Gerhard Fischer

Die Weisheit der Binse

Rezensionen


Es kann nur einen geben

Der literarische Philosoph Hauenstein kehrt zurück


Von allen Gespenstern sind uns die Wiedergänger am liebsten. Und während für die Plastikhelden des sonnigen Alltags noch gelten mag »They never come back«, gilt für die wahren literarischen Heroen das Gesetz der wunderbaren Wiederkehr: Die Welt kann aufatmen. Hauenstein ist zurück. Oder genauer: Der einzig hochbegabte Grantler, der Misanthrop aus Leidenschaft und Erfahrung, war nie verschwunden. Denn während wir handelsüblichen Zweckoptimisten die Wirklichkeit mit Standheizung und Rheumadecke einzurichten versuchten, unterzog sie Hauenstein einer messerscharfen Analyse. Nicht weniger als 177 MiniRomane, 35 GewissensFragen und 84 LebensWeisheiten sind das wunderbare Destillat seines schonungslosen Verfahrens, nun literarisch komprimiert auf rund 100 Seiten unter dem gewinnenden Titel »Die Weisheit der Binse«.
Und was Hauenstein, dieses einzigartige Geschenk der Evolution, ganz offenbar schon im Mutterleib zum unverrückbaren Bestand seines Seelenhaushalts zählen durfte, dämmert mit und nach der Lektüre dieses unverzichtbaren Hausbuchs auch uns: Der Mangel an Talent läßt sich auch durch charakterliche Defizite nicht wettmachen. Oder, mit den Worten Hauensteins: »Kaum läßt man den Kopf hängen, glauben alle, man habe zugestimmt.«
Hauensteins Geistesblitze, von seinem Alter Ego in der Wirklichkeit, dem Autor und Publizisten Gerhard Fischer aufgespürt und aufbereitet, seine pointierten wie lebensprallen Aphorismen finden ihre Ableitung direkt ins Stammhirn des Lesers - in so erlesenen, bekömmlichen Portionen, daß man die eigenen Synopsen hören kann.
Satirische Epigrammatik, literarische Karikatur, ironische Weltweisheit - Hauenstein offeriert Panoptikum wie Panorama.
Da gilt nur eines: den Kampf gegen die eigene bürgerliche Einfalt aufnehmen. Laubbläser in der Garage lassen, Hauenstein lesen.

ANJA STADLER, Lesart 2/08



Des Autors Alter Ego zweiter Streich: Nach dem enormen Erfolg des 'Ei des Damokles' tritt jetzt die 'Weisheit der Binse' an, uns durch Hauenstein, den Posaunisten größtmöglicher Schallerzeugung, ein weiteres Mal Hören und Sehen vergehen zu lassen. Seit Julius Webers 'Demokritos, hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen' oder, weniger gewälzt, Eugen Roths zeitnaheren Brevieren des Menschenunmöglichen, hat sich auf dem Buchmarkt wenig getan, was mit Esprit und guter Laune, herrlicher Ironie oder bissiger Grantelei des Lesers Aufmerksamkeit erwecken konnte. Weshalb? Weil es zu den schweren Dingen des Leichten gehört, sich Gehör zu verschaffen, episodenhafte Begebenheiten so ins rechte Licht zu setzen, daß man auch die Schatten sieht, und weil es einer gehörigen Menschenkenntnis bedarf, um Schwächen dort liebevoll zu karikieren, wo weniger sensible Gemüter mit dem Holzhammer zuschlagen. Hauenstein drischt nicht drauflos, sondern er konturiert Charaktere, dummes Gedöns, schlimme Unbildung - bis sich beim Leser das ahnungsvolle Empfinden einstellt, oftmals selbst Teil eines höchst lächerlichen Geplauders im Kreise sich soigniert gebender Menschlein gewesen zu sein. Und das macht den Charme Hauenstein aus: Er piekst, aber sticht nicht zu, er säbelt mit dem Florett, aber er florettiert nicht mit dem Säbel, was den Unterschied zwischen verletzt werden oder angekratzt sein ausmacht. Eine Szene mag dies illustrieren: 'Hauenstein wandte sich mißbilligend von seinem Fernsehgerät ab. 'Ich wünschte mir', sagte er, 'sie brächten nicht immer nur das, was die Leute sehen wollen.' Man hätte 'die Leute' auch als triebgesteuerte Massenmenschen deklarieren können, doch zu solchen Böswilligkeiten neigt Hauenstein nicht. Wer also einmal einen tiefen Blick in den Seelenschacht so manches Wichtes werfen möchte, was dem gebildeten Leser als nosce te ipsum sofort in den Sinn kommt, der muß sich der Weisheit der Binse als Inkarnation Hauensteins beugen, und zwar aus Genußsucht, nicht aus Einsicht. Die muß er sich nämlich erarbeiten und bis zum Ende durchhalten. Dann ist er gereift und wird diesem Aphorismus mit Besonnenheit zustimmen: Es braucht nicht falsch zu sein, wenn ein Kurzsichtiger vorausschauend plant und ein Schwerhöriger hellhörig wird...

J. Michael Baerwald, www.deutscher-buchmarkt.de