Gudrun Paul
Spirituelle Alltagskultur. Formationsprozeß anthroposophischer Kultur - untersucht am Beispiel von Baden-Württemberg
Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Sozialwissenschaften
in der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften
der Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Aus Rudolf Steiners Lebenswerk und der anthroposophischen Bewegung ist im Lauf von rund 90 Jahren eine eigenständige anthroposophische Kultur entstanden, die zugleich eine spirituelle Alltagskultur darstellt. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, diesen leitenden Gedanken anhand empirischer Materialien zu entwickeln und zu belegen.
Die besondere Aufmerksamkeit der Arbeit gilt dabei dem historisch ungewöhnlichen Muster, daß
- erstens eine religiöse Gruppierung Spiritualität nicht als Kristallisationspunkt ihres Handelns pflegt und eine meditationsbezogene Kultur entwickelt, sondern Spiritualität zeitgleich als ideellen Ausgangspunkt und als generelles formgebendes Prinzip verwendet, wodurch eine aktive Hinwendung zu vielfältigen Belangen des täglichen Lebens von Berufs- und Bildungsarbeit bis zur Produktion von Gebrauchsgegenständen ermöglicht wird, und daß
zweitens diese so entstandene anthroposophische Kultur keine einheitliche und keine in sich geschlossene Sonderkultur darstellt; vielmehr ist sie in umfangreichen Bezügen mit der allgemeinen Kultur verflochten, beispielsweise indem sie initiativen Raum für Projekte offeriert oder Menschen in ihre Aktivitäten einbindet, ohne ihnen ideelle Übereinstimmung abzuverlangen.
Die Analyse dieser Kultur zeigt an einem Beispiel, daß in der Gegenwart eine neue Form religiöser Kultur in den Alltag kommen und alltägliche Lebensformen gestalten kann. Will man den hier als sehr entscheidend erachteten Aspekt einer spirituellen Fundierung dieser Kultur nicht anerkennen, so bleibt das Ergebnis der Analyse als Bestätigung für eine mögliche Lebensstil-Differenzierung unter heutigen gesellschaftlichen Bedingungen interpretierbar.