Gabriele Wiggen-Jux
Katzen-Eskapaden
Wie man mit Katzen überlebt,
ohne den Verstand zu verlieren
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Einschlägige Ratgeber für die Haltung von Katzen in geschlossenen Räumen haben für die nun folgende, überaus pikante Situation, dem Zusammenführen zweier sich gänzlich fremder Katzen, allerhand gut gemeinte Ratschläge parat. Da die neue Katze gegenüber dem >Platzhirsch< im Nachteil ist und eine sofortige Konfrontation der beiden einem Schock gleichkommen könnte, wird angeraten, die neue Katze für einige Tage in einem separaten Raum mit eigenem Katzenklo, Futter und Spielzeug zu halten.
Erst wenn der Neue sich dort heimisch und sicher fühlt, soll man die beiden sich finden lassen, indem die Tür, die vorher verschlossen war, nun angelehnt ist und von beiden nach Bedarf geöffnet werden kann. Das ist nun eine Methode, die für Leute mit viel Geduld die richtige sein mag. Denn natürlich sind Sie gespannt, ob die beiden Tiger sich mögen, und möchten das so schnell wie irgend möglich herausfinden.
Und dann war es sowieso schon ein Kunststück, den neuen Kater ins Haus zu schaffen, während Ihr >alter< nebenherlief und am liebsten sofort das Zimmer, das Sie dem Ankömmling als Refugium zugedacht haben, im Sturm genommen hätte. Auch das ewige Gemaunze auf beiden Seiten der Tür raubt Ihnen bald den letzten Nerv, und so greifen Sie zum ultimativen Mittel der Katzenzusammenführung, um den komplizierten Prozess mit gutem Gewissen beschleunigen zu können: Sie laufen zum Kühlschrank und schmieren Ihre Hände mit Räucherlachs ein das ist der heiße Tipp aus vielen Ratgebern, und da die eigentlich meistens Recht haben, sind Sie folgsam und versprechen sich wahre Wunder, um nicht zu sagen die hundertprozentige Lösung für die Krisensituation >Zusammenführung zweier sich bislang unbekannter Katzen< und streicheln mit Ihren Händen zunächst Ihrem zwei Jahre alten Kater übers Fell, dann laufen Sie zum internierten kleinen Rottiger und streicheln den ebenso intensiv mit Ihren Fischhänden.
So, das wäre geschafft, die beiden duften jetzt sicher ziemlich ähnlich, riechen müssten sie sich also auf Anhieb können.
Auf gehts! Sie öffnen die Tür einen Spalt
und warten gespannt, fast atemlos
Und es dauert gar nicht lange, da wird die Tür von außen jäh aufgestoßen und Ihr langjähriger, bislang so friedliebender Hausgenosse stolziert herein. Er macht drei entschiedene Schritte, dann bleibt er wie vom Donner gerührt stehen, erblickt den im Vergleich zur eigenen stattlichen Größe winzigen roten Tigerkater, der gerade so niedlich mit einem Bällchen gespielt hatte, und
der Große schleicht sich an ihn heran.
Die beiden schauen sich einen Moment lang tief in die Augen, beschnuppern sich und plötzlich verzieht Ihr Kater das Gesicht zu einer schauerlichen Fratze, riesige Eckzähne werden sichtbar und er stößt ein bisher nie gekanntes lautes, wütendes Fauchen aus. Da kriegen sogar Sie selbst es mit der Angst zu tun. Der Kleine weicht zurück, duckt sich weg, während der Große mit Drohgebärde voranschreitet.
Einschlägige Ratgeber zur Katzenhaltung insistieren ja darauf, dass der Mensch es sich in einer solchen Situation um Himmels willen auf jeden Fall verkneifen soll, sich in Katzenauseinandersetzungen einzumischen. Theoretisch leuchtet das zwar ein, die beiden müssen unter sich ausmachen, wie die künftige Rangordnung aussieht, doch in dieser Situation, und der Kleine wirkt so winzig, so überaus hilfebedürftig
Trotzdem haben Sie sich in der Gewalt und beobachten das Wüten Ihres großen Katers mit schreckensweit geöffneten Augen. Der Räucherlachs hat jedenfalls nicht die versprochenen Wunder gewirkt
Der Große erscheint über alle Maßen indigniert, beäugt gerade böse den kleinen Kerl, der arglos und anscheinend unbeeindruckt sein Spiel mit dem Kügelchen wieder aufgenommen hat.
Sie hatten sich für diesen Tag, einem selbst bewilligten Urlaubstag, zwar noch etwas anderes vorgenommen als Katzenbeobachtung, aber um die Situation im Auge zu behalten und Schlimmstes zu verhindern, falls die Konfrontation eskaliert, entscheiden Sie sich zum Bleiben.
Die beiden Katzen streifen mittlerweile durch die Wohnung. Der Kleine erkundet das neue Terrain, während der Ältere ihm misstrauisch folgt und immer, wenn der Neue ihm zu nahe kommt, furchterregend faucht. Eine Ohrfeige hat es auch schon gesetzt, als der Kleine sich dem Futternapf in der Küche näherte
Viele Ratgeber zur Katzenhaltung meinen, das ist normal. Sie weisen jedoch darauf hin, dass es keine dumme Idee ist, sich für den Fall einer Neuzusammenführung von Katzen vier Wochen Katzenbeobachtungsurlaub zu nehmen, damit man permanent kontrollieren kann, dass bei den beiden alles im grünen Bereich ist. Vier bis sechs Wochen könnten, so die Ratgeber, Katzen brauchen, um sich aneinander zu gewöhnen.
Mit unruhigen Blicken und mehr als unguten Gefühlen verfolgen Sie die beiden. Das kann man nun wirklich nicht Liebe auf den ersten Blick nennen. Der Unmut Ihres alteingesessenen Katers ist unübersehbar, er ist keinesfalls >amused<, dass er einen neuen vor die Nase gesetzt bekommen hat, mit dem er sich fortan alles teilen soll: das gute Futter, Leckereien, Streicheleinheiten, Lieblingsplätze, die Luft zum Atmen.