Gabriele Wiggen-Jux
Der Fall des Botschafters
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»Ich weiß nicht, was ich machen soll«, jammerte Sonia Maiering gut zwei Stunden später. Sie stand in ihrer üblichen Aufmachung, einem auf Taille geschnittenen Kostüm, dessen Rock eine Handbreit unter ihren Knien endete, im Büro des Gesandten Rupert Böhm. Frau Maiering, sonst ein Muster an Selbstbeherrschung und Souveränität, war aufgeregt. So etwas hatte sie in den langen Jahren, die sie nun für das Auswärtige Amt arbeitete, noch nicht erlebt, dass ein Botschafter einfach unentschuldigt wegblieb. Ihre roten dauergewellten Haare, die sie meist zu einem strengen Zopf zusammengebunden trug, hingen wirr um ihren Kopf. Die sonst so vornehme Blässe im Gesicht der Mittfünfzigerin war hektischen, roten Flecken gewichen. Die lang aufgeschossene Gestalt des Gesandten verharrte schon seit geraumer Zeit nahezu reglos hinter dem Schreibtisch. Genauer gesagt so lange, wie Frau Maiering im Raum stand und ihrem Kummer wortreich und aufgebracht gestikulierend Luft machte. Jetzt stand Böhm auf, ging um den Tisch herum und reichte der Sekretärin, die sich fassungslos auf den Sessel vor seinem Schreibtisch fallen ließ, mit väterlich fürsorgender Geste ein ordentlich zusammengefaltetes Taschentuch. »Was soll ich mit dem Lappen?«, fuhr Sonia Maiering den erschreckt zurückzuckenden Mann unwirsch an. »Sagen Sie mir lieber, was ich tun soll. Der Herr Botschafter hat heute Morgen zwei Termine. Einen mit dem Leiter des Vereins für die Pflege deutschen Brauchtums in Spanien, den anderen zum Mittagessen mit dem spanischen Wirtschaftsminister. Soll ich die Termine absagen, oder vielleicht selbst hingehen?« Sie blickte Böhm spöttisch und provozierend an. Der, so viel Temperament von der sonst eher zurückhaltenden Sekretärin nicht gewöhnt, war sichtbar bemüht, Haltung zu demonstrieren.
»Nun beruhigen Sie sich erst mal«, beschwichtigte er die aufgebrachte Frau mit seiner tiefen Bassstimme. »Wir warten noch ein bisschen. Sagen Sie den ersten Termin ab und wenn der Botschafter bis gegen eins nicht da ist, rufen Sie im Büro des Wirtschaftsministers an und fragen nach, ob der Herr Minister sich unter Umständen mit meiner Person als Gesprächspartner anfreunden könnte. Sagen Sie seiner Sekretärin, dass der Botschafter aus uns nicht bekannten Gründen heute nicht im Büro gewesen ist. Und dass wir nicht wissen, wo er sich aufhält. Oder, noch besser, sagen Sie einfach, dass wichtigste staatspolitische Aufgaben Botschafter Steinberg verhindern würden, und dass Sie Genaueres nicht sagen dürften. Das klingt bedeutungsvoller.«
»Meinen Sie wirklich, es könnte etwas passiert sein?« Frau Maiering sank kraftlos in den Sessel zurück und starrte geschockt zu Böhm hinüber. »Müssen wir dann nicht die Polizei verständigen?«
»Immer mit der Ruhe.« Böhm bemühte sich, gelassen zu klingen. »Es ist nur eine Ausrede für den Minister, damit er es dem Botschafter nicht übel nimmt, dass er den Termin nicht wahrnehmen kann. Schließlich wollen wir die politische Großwetterlage nicht unnötig strapazieren. In den letzten Monaten hat es zwischen Spanien und Deutschland schon genug Spannungen im Wirtschaftssektor gegeben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihm etwas Gravierendes zugestoßen ist. Er ist so vorsichtig in allem, was er tut.«
»Ja, natürlich.« Frau Maiering schien wieder erleichterter. »Wissen Sie, ich glaube, Sie haben recht. Bestimmt ist alles nur ein Irrtum und Herr Steinberg taucht gleich auf, als ob nichts geschehen wäre. Seine Frau ist ja seit letzter Woche in Frankreich bei ihrer Familie, und da könnte es doch sein, dass er sich gestern Abend ein Gläschen zu viel genehmigt hat und den Weg aus dem Bett nicht zur rechten Zeit gefunden hat. Seine Schwester habe ich in den vergangenen Tagen nicht gesehen, sie hat angeblich viel zu tun. Herr Steinberg ist in letzter Zeit viel allein. Es handelt sich sicher nur um ein Missgeschick.« Die Sekretärin erhob sich sichtbar getröstet.
»Ja, gehen Sie zurück an Ihre Arbeit«, meinte Böhm trocken. In den Händen hielt er das von Frau Maiering zurückgewiesene Taschentuch. »Verhalten Sie sich, was die Termine angeht, wie abgesprochen. Und wenn wir bis heute Nachmittag nichts vom Botschafter hören, müssen wir versuchen, Frau Steinberg oder seine Schwester zu erreichen. Eventuell wissen die beiden ja, wo er steckt.« Böhm schaute aus dem Fenster auf die triste graue Wand des Nachbarhauses. Die hätte seit Jahren einen Neuanstrich vertragen können. Gerade, als Frau Maiering die Tür hinter sich zuziehen wollte, kam ihm eine Idee. »Ach ja, vielleicht versuchen Sie jetzt schon, mit Frau Steinberg in Verbindung zu treten. Und wenn Sie sie in der Leitung haben, dann stellen Sie zu mir durch.« Den letzten Satz hatte Böhm in seinem üblichen Befehlston, der keinen Widerspruch zuließ, gesagt. Frau Maiering nahm ihn stumm nickend zur Kenntnis und lief in ihr Büro in der obersten Etage der Botschaft. Möglicherweise war der Botschafter ja längst in seinem Büro, und dann könnte sie sich doch noch einen schönen ruhigen Tag am Computer machen. Gerade so, wie sie es sich heute Morgen, als sie in die Botschaft kam und alles in Ordnung zu sein schien, vorgestellt hatte. Nicht zu vergessen das Mittagessen, zu dem sie sich mit Irmgard aus Böhms Vorzimmer verabredet hatte. Ob nun eine von ihnen während der Mittagspause im Büro bleiben musste, wenn der Botschafter nicht auftauchte? Das wäre wirklich ärgerlich. Sie hatte sich so auf das Essen gefreut.
Nachdem Steinbergs Sekretärin gegangen war, setzte Rupert Böhm sich in seinen großen, schwarzen, ledernen Schreibtischsessel und versuchte, sich zu entspannen. Er atmete bewusst tief ein und aus und zählte dabei bis fünfzig. Jetzt an nichts anderes denken als ans Atmen. Eins, ein, eins, aus, zwei, ein, zwei, aus, drei, ein, drei, aus... Dabei hatte der Tag so entspannt begonnen. Solange er zurückdenken konnte, hatte ihn Aufregung noch nie weitergebracht. Steinberg war nicht zur Morgenrunde gekommen und die Maiering gebärdete sich wie ein aufgescheuchtes Huhn. Aber dazu gab es weiß Gott keinen Grund. In den mehr als zwanzig Jahren, die Böhm nun für das Auswärtige Amt in Posten rund um die Erde arbeitete, hatten ihn selbst Katastrophen nicht aus der Ruhe bringen können. Was war Steinbergs Verspätung schon gegen Erdbeben, Geiselnahmen, Terroranschläge? Nichts, Peanuts. Was seinen Beruf anging, so hatte Böhm über die Jahre professionelle Routinen und Strategien entwickelt, die ihm das Arbeitsleben so angenehm wie möglich machten. Privat sah es leider anders aus.
Die Probleme in seinem Privatleben hatte er nie richtig in den Griff bekommen. Seine dritte Scheidung hatte ihn menschlich genauso getroffen, wie die erste. Er konnte sich absolut nicht erklären, warum seine Ehefrauen, denen er aufgrund der großzügigen Auslandsbezüge einen wahrhaft mondänen Lebensstil hatte bieten können, für das diplomatische Leben so wenig übrig gehabt hatten. Es sagte einiges über Rupert Böhms Selbsteinschätzung, dass er nie eigene Unzulänglichkeiten, sondern immer die Lebensumstände für das Scheitern seiner Ehen verantwortlich machte. Seine drei Frauen, eine Deutsche, eine Französin und eine Venezuelanerin, hatten ihn in dem Glauben belassen. Mit keiner war er länger als sieben Jahre verheiratet gewesen, und alle drei hatten als Scheidungsgrund übereinstimmend angegeben, das unstete Leben von Diplomaten, das ständige Umziehen, der Wechsel zwischen verschiedenartigsten Kulturen und die daraus allzu oft resultierende Oberflächlichkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen sei auf die Dauer für sie unerträglich gewesen.
Böhm hatte alle drei Frauen geliebt. Warum sie sich von ihm hatten scheiden lassen, das hatte er nie verstehen können, fand er doch die Lage, in der seine jeweiligen Frauen sich befunden hatten, einfach beneidenswert. Wenn er morgens ins Büro ging, lag seine Frau noch im Bett, und wenn sie aufstand, hatte sie den ganzen Tag zur freien Verfügung. Der Haushalt wurde von Hauspersonal erledigt, und die Zahl der gesellschaftlichen Verpflichtungen, Abendessen oder Cocktailpartys, an denen sie gemeinsam teilnahmen, hatte sich meist in Grenzen gehalten. Wie oft hätte er nur allzu gern mit seiner jeweiligen Frau getauscht, die an keinerlei Bürozeiten und nur wenige dienstliche Verpflichtungen gebunden war. Und weil Böhm nie verstand, was seine Ehefrauen eigentlich so schlimm an ihren Lebensumständen fanden, blieb ihm der wahre Grund für seine Scheidungen ein Rätsel. Oberflächliche zwischenmenschliche Beziehungen, was die damit nur gemeint hatten? Sie hatten doch ihn gehabt, ihn und die Kinder. Daran hatte er nun wirklich nichts Oberflächliches finden können. Er hatte sicher Fehler, wie jeder Mensch, aber oberflächlich, nein, für oberflächlich hielt er sich ganz und gar nicht. Er hatte jede seiner Frauen auf Händen getragen, ihnen jeden Wunsch von den Lippen abgelesen. Und so hatte ihn die erklärte Absicht, sich von ihm scheiden zu lassen, jedes Mal völlig unerwartet und wie ein Donnerschlag getroffen. Und am Ende jeder Ehe hatte er achselzuckend für sich festgestellt, dass seine jeweilige Frau eben einfach nicht die richtige für ihn gewesen war. Gelitten hatte er unter jeder Trennung, auch unter der Trennung von den vier Kindern, die aus seinen drei Ehen hervorgegangen waren. Für sie und seine Ehefrauen leistete er immer noch kräftig Unterhaltszahlungen, die sein an und für sich großzügig bemessenes Gehalt empfindlich verminderten. Es erfüllte ihn jeden Monat aufs Neue mit Bitterkeit, wenn er seinen Kontoauszug sah und feststellen musste, dass er sich eine vierte Ehe, allein im Hinblick auf eine mögliche spätere Scheidung, beim besten Willen nicht mehr leisten konnte. Tröstlich fand er da einzig den Gedanken, dass er mit seinen gescheiterten Ehen kein Einzelfall war im diplomatischen Dienst. Allein an der deutschen Vertretung in Madrid hatte seine Kollegen Erwin Schirrmacher und den Kanzler Walter Vogelsang ein ähnliches Schicksal ereilt. Diplomatenehen, das hatte er letztens in einem Rundschreiben des Auswärtigen Amtes gelesen, standen auf tönernen Füßen. Da musste eine Beziehung sehr stark sein, wenn sie die ständigen Wechsel von Lebensumständen über Jahrzehnte überdauern wollte. Bei den Kollegen im mittleren und einfachen Dienst sah es nicht viel besser aus, obwohl die kaum zeitaufwendige gesellschaftliche Verpflichtungen hatten. Manchmal, wenn er wieder bis tief in die Nacht an einem Empfang oder einem gesetzten Essen teilnahm, dachte er neidvoll an diese Kollegen und stellte sich insgeheim vor, dass er es als Registrator oder Hausbote besser hätte. Zumindest was den Zeitaufwand anging. Gut, ein bisschen langweilig waren deren Tätigkeiten durchaus, und im Vergleich erbärmlich bezahlt. Aber immer pünktlich dienstfrei zu haben und kaum Verantwortung, das war schon was Feines.
Privat war es in seinem Leben auf und ab gegangen. Beruflich hatte Böhm stets alles im Griff gehabt. Das wusste er und deshalb war er auch jetzt, wo Steinberg einmal nicht in der Morgenrunde erschienen war, nicht so einfach aus dem Konzept zu bringen. Der Botschafter hatte bestimmt einen triftigen Grund. Überstürztes Handeln war in dieser Angelegenheit also völlig unangebracht, würde Chaos schaffen, wo vorher Ordnung geherrscht hatte, und Arbeit bringen, die sich später vermutlich als völlig überflüssig herausstellte, wenn Steinberg in sein Büro kommen würde, als ob nichts geschehen sei. Normalerweise hatte Böhm mit der Mentalität seiner deutschen Landsleute keine Probleme. Völlig unangebracht fand er allerdings, dass sie dazu neigten, schnell nervös zu werden, geradezu überängstlich, und hinter den harmlosesten Ereignissen gleich drohende Weltuntergänge vermuteten. Böhm lehnte sich gemütlich in seinem Sessel zurück, zog genüsslich an der Zigarre, die er eben angezündet hatte, und schaute nachdenklich auf ein paar Akten, die verloren auf seinem großen, peinlich aufgeräumten Schreibtisch aus poliertem Nussbaumholz lagen.
Erwartungsfroh kehrte Sonia Maiering zurück zu ihrem Büro. War es eine Täuschung oder hatte sie da nicht eine Stimme gehört, gerade, als sie in das Vorzimmer gekommen war? Schwungvoll holte sie aus, um bei ihrem Chef an die Tür zu klopfen, da wurde von innen geöffnet. Doch vor ihr stand nicht etwa, wie erwartet, der Botschafter, sondern Solbach und der Wissenschaftsreferent Weis. Die beiden nickten ihr geschäftsmäßig, ja fast schon wichtigtuerisch zu. Sie führten sich auf, als ob es die natürlichste Sache der Welt sei, sich im Büro des Botschafters aufzuhalten, wenn der nicht da war. Die Sekretärin blickte sich suchend um. Im Büro war außer ihnen niemand.
»Was machen Sie hier?«, fragte sie schroff, woraufhin die beiden Referenten sie erstaunt und amüsiert zugleich anschauten. Die Sekretärin musterte Solbach argwöhnisch. Was hatte der hier zu suchen? Ausgerechnet der. Als sie in der vergangenen Woche zurzeit der allmorgendlich stattfindenden Kaffeerunde zufällig an der Kaffeeküche vorbeigekommen war, hatte sie Gesprächsfetzen mitgehört. Es war eindeutig Solbach gewesen, der behauptet hatte, dass Steinberg in der letzten Zeit deutlich weniger Termine wahrnahm als früher. Dabei stimmte das gar nicht. Sie wusste, dass der Botschafter nach wie vor möglichst jeder Einladung nachkam und ständig Gäste in der Residenz bewirtete. Nie ließ Solbach ein gutes Haar an Steinberg, und jetzt stöberte er in ihrer Abwesenheit mit dem Wissenschaftsreferenten durch das Büro.