Klaus Uhlenbrock

Mit Grüßen aus Holland

Vorwort

Eine verschwundene Diabetikerin, eine leere Insulinampulle und eine Postkarte bilden den Anfang dieses spannenden Romans. Der Autor entwickelt daraus ein pharmakologisch brisantes Geschehen.

Der Leser wird mit der Problematik der übertragbaren spongiformen Encephalopathien konfrontiert. Darunter versteht man Erkrankungen des zentralen Nervensystems, die zu einer schwammartigen (=spongiformen) Zersetzung des Gehirns führen. Dazu zählt die Skrapie der Schafe, die bovine spongiforme Encephalopathie(=BSE) der Rinder und die Creuzfeld-Jakob-Krankheit beim Menschen. Die Erreger dieser Erkrankungen sind noch nicht eindeutig bekannt. Man vermutet ein infektiöses Protein (=Prion).

Insulinspritzenden Diabetikern, die diesen Roman lesen, sei versichert: Insulin ist sicher! Die Übertragung einer spongiformen Encephalopathie ist damit nicht möglich.

Mit außergewöhnlichem kriminologischen Geschick baut der Autor eine sich steigernde Spannung auf, die dazu führt, daß der Leser den Roman nicht mehr aus der Hand legen kann. Er fiebert der Auflösung des Geschehens mit Ungeduld entgegen. Dem Leser wird schnell bewußt, daß Kommisar Bauers Meinung über den Krankenpfleger Brünning auch vortrefflich auf den Autor zutrifft: "Typisch Münsterländer, ... von dem werden wir noch überraschendes erfahren."

Emsdetten im August 1999

Dr. med. P. Krege

1.

Der Monitor piepte laut und eintönig. Ein Fehlalarm, aber Niklas konnte selbst diese Fehlalarme nicht mehr gut wegstecken. Sein Finger traf die Alarmtaste, und der sonore Ton verschwand. Das EKG-Bild wanderte ruhig und gleichmäßig über den Bildschirm. Dreiundsechziger Puls. Alles in Ordnung.

"Alles klar, Frau Müller?" Er lächelte die Patientin an. In ihren Augen war ein Hauch von Angst nicht zu übersehen. Es war eine unruhige Nacht gewesen. Um Mitternacht war sie notfallmäßig auf die Intensivstation des kleinen Hauses eingeliefert worden, und die Diagnose, mit der man sie hier konfrontierte, war ernüchternd. Herzinfarkt. Da hatte sie ihr Leben lang geschuftet, sechs Kinder zur Welt gebracht. Und nun lag sie in der vielleicht letzten Phase ihres Lebens auf dieser kleinen Intensivstation, hatte starke Schmerzen in der Brust und die Befürchtung, sie könnte die nächsten Stunden nicht überleben. Ernüchterung, das war ein passendes Wort für ihre Situation. Vor zwei Jahren hatte sie ihren Mann verloren. Ihre Kinder waren eines nach dem anderen weggezogen. Das Haus hatte sie verkaufen müssen. Sie lebte in einer kleinen Wohnung, nicht weit vom Krankenhaus entfernt, mit einer bescheidenen Rente. Aber was nutzte ihr all das. Sollte sie noch Hoffnung haben, und wenn ja, wofür? Ihr Leben war eintönig geworden. Wenn der Postbote morgens kam, hatte sie einen kleinen Plausch mit ihm. Sie ging einkaufen, sah hier und da bekannte Gesichter. Die selben Fragen, die selben Antworten. Immer und immer wieder. Na gut, da war noch das Nachmittagskränzchen an jedem ersten und dritten Mittwoch des Monats, wo sie alte Freundinnen wiedertraf, Plattdüütsk küerte un olle Dönkes vertellte. Aber damit hatte es sich auch schon. Das war alles, was ihr geblieben war. Erinnerungen und ein paar Bilder, schwarzweiß, die sie Zuhause in einer Holzkiste verwahrte.

"Ist der Arzt noch im Haus?"

"Ja, aber der hat sich ein bißchen hingelegt." Niklas lächelte, und seine Hand verharrte einen Augenblick auf ihrer Schulter. Dann kniff er grinsend noch einmal ein Auge zu und lief in den angrenzenden Flur, wo mehrere summende Neonleuchten ein grelles, wenn nicht sogar unfreundliches Licht verbreiteten. Auf einem länglichen Schreibtisch standen verschiedene Überwachungsgeräte. Ein Monitor, auf dem die Bilder aller EKG-Schreiber aus den Zimmern projiziert wurden, ein Notfallpiepser, ein Drucker, der bei jedem Alarm ansprang und mitschrieb. In kleinen Fächern lagen neue Kurven, waren Röntgen-Scheine und andere Anforderungszettel fürs Haus untergebracht. Unordnung herrschte hier nicht. Übersicht war eine Domäne der kleinen Station mit ihren fünf Betten, die eine nicht zu übersehende, feste Institution der Region darstellte. Natürlich war dieses kleine Krankenhaus von Saerbeck nicht mit den großen umliegenden zu vergleichen. Aber vergleichen wollte auch keiner. Dem großen Sterben der Häuser war man mit eisernen Einsparungen bisher entkommen, wenngleich auch in den letzten Monaten eine nicht zu übersehende Tiefe erreicht worden war. Überstunden wurden teilweise gar nicht mehr notiert. Die interne Küche war geschlossen worden, das Essen kam jetzt aus dem benachbarten Haus in Ibbenbüren. Das hatte fünf Stellen gekostet, fünf langjährige Angestellte waren in den vorgezogenen Ruhestand geschickt, oder als Stationshilfen aufs Haus verteilt worden. Sehr zum Unmut dieser Angestellten. Letztlich mußte man sich aber insgeheim eingestehen, daß es hätte schlimmer kommen können. Daß das Haus immer noch seinen Dienst versehen durfte, war das Werk vom leitenden Arzt der inneren Abteilung, Professor Wennemann. Dozent an der Universität Münster, Mitbegründer verschiedener Stiftungen, langjähriger Leiter der Klinik in Wuppertal, eine Kapazität in der Erforschung der Zuckerkrankheit Diabetes. Es war ein Glück für das Haus gewesen, als er vor acht Jahren die Innere Abteilung übernommen hatte, wenn auch nur als Belegarzt. Er galt als graue Eminenz im Hintergrund, regelte die geschäftlichen Belange des 210-Bettenhauses, förderte die Interessen der Angestellten und hatte freie Verfügungsgewalt über die Finanzen und die Einkäufe. Er war beliebt, nicht nur bei den Patienten, sondern auch bei Kollegen und Pflegepersonal. Prof. Wenne, wie ihn alle nur nannten, war so etwas wie ein Unikum. Geradeheraus, ohne kompliziertes Geschwafel. Um so einen Chef wurde das Haus von umliegenden Hospitälern beneidet.

Niklas setzte sich auf einen der Drehstühle und legte sich die Kurve der neuen Patientin auf den Schreibtisch. Sein Blick glitt vom Überwachungsmonitor zur darüberhängenden Uhr, und mit Erleichterung registrierte er, daß es eine halbe Stunde vor Schichtwechsel war. Neben ihm raschelte es kurz. Seine Kollegin setzte sich ebenfalls. Ihr Gesicht war blaß, eingefallen. Zwei der Patienten hatte sie die Nacht über versorgt. Eine Beatmung und eine frisch operierte Hernie. Julia holte tief Luft und ließ sich in ihrem Stuhl zurückfallen.

"War Prof. Wenne schon bei Dir?" fragte sie mit einem Seitenblick auf das Monitorbild ihres Patienten.

Niklas schüttelte den Kopf. "Noch nicht. Weiß auch gar nicht, ob ihn der Diensthabende informiert hat. Wie geht’s deiner Beatmung?"

"Geht so. Schwacher Kreislauf. Hatte vorhin mal einige Extrasystolen, aber jetzt ist er stabil."

Nik sah zu ihr hinüber. Julia war gerade erst fünfundzwanzig, sah aber älter aus. Die langen Haare hatte sie hinten zu einem Dutt zusammengefügt und mit einer hölzernen Spange festgezurrt. Niklas grinste.

"Bist auch wohl froh, daß wir’s gleich geschafft haben, was?"

Julia sah ihn an und reckte sich. "Allerdings. Sieben Nächte sind ‘ne lange Zeit. Ich kann nicht gut schlafen tagsüber. Und Du? Freust Dich schon auf den Urlaub?"

Er nickte und blickte über die Zahlen und Daten auf seiner Kurve. "Und ob! Mir reicht‘s erstmal. Ich brauch Erholung und Streßabbau."

"Hattest Du nicht gerade erst Urlaub?" fragte Julia mit einem Seitenblick auf ihren Kollegen.

"Gerade? Das ist ein halbes Jahr her, im Winter. Näh, näh! Ich finde, alle drei Monate sind zwei Wochen fällig."

"Und? Was machst Du jetzt? Fährst Du noch weg?"

Er nickte. "Gleich heute noch fahr ich rüber nach Greven, zum Flughafen. Schau mir die last-minute Angebote an, und buche irgendwas Günstiges. Mallorca, oder Gran Canaria. Und dann ab in den Süden."

Er pfiff durch seine Zähne, und seine Hand glitt nach oben, imitierte einen startenden Flieger.

Julia lachte. "Ballermann läßt grüßen."

"Quatsch. Ballermann! Meine Tasche steht gepackt zu Hause. Für Ballermann hab ich die falschen Sachen dabei."

Nik nahm den Taschenrechner an sich und begann die Bilanzen seiner beiden Patienten auszurechnen. Sie waren beide im Normbereich. Alles sah normal aus, wirkte übersichtlich. Da konnte ihm keiner schlechte Pflege unterstellen, aber das würde auch wohl keiner tun. Die Station war das Aushängeschild des Hauses. Und das Personal sehr gut geschult. Ein Verdienst nicht zuletzt von Professor Wennemann. Vor acht Jahren war das noch ganz etwas anderes gewesen. Der Professor hatte alles grundlegend geändert, neu aufgebaut. Aber da hatte Niklas noch nicht hier gearbeitet.

"Ist vorhin der Funk nicht gegangen?" fragte er nebensächlich, während er den Rechner bearbeitete.

"Ja, irgendwas für uns. Ein Unfall auf der B-475. Sollen die anderen übernehmen, wenn die gleich kommen. Ich hab für heute genug."

"Ein Unfall? Um diese Zeit? Naja, der Berufsverkehr hat begonnen. Dann füllen sich die Straßen."

Der Monitor vor ihnen gab ein fiependes Geräusch von sich, und der angeschlossene Drucker sprang an. Ein schneller Blick von beiden auf das EKG-Bild. Leichte Unruhe, die sich schnell wieder legte. Kurzer Adrenalinausstoß. Ein immer wieder aufkommendes Gefühl von Notfallangst.

Julia atmete auf und unterbrach den Ton. "Verwackelt. Mein Hernienpatient wird wacher."

Niklas nickte. "Wird bestimmt im Laufe des Tages noch verlegt."

"Ja, aber dafür bekommen wir eine Galle."

Ihr Kollege griente. "Wir nicht mehr. Die anderen heute Vormittag."

"Auch wieder wahr. Ah!" Im Hintergrund des Flures sprang die elektrische Tür auf, und drei sich unterhaltende Schwestern traten leise lachend auf die Station. Die Ablösung.

Die Stationsschwester, seit fünfzehn Jahren hier oben im dritten Stock die unumstrittene Leitung, hielt hinter den beiden und sah ihnen aufmunternd zu. Ihre lockigen Haare wirbelten kurz, als sie den Kopf drehte.

"Na, ihr beiden, alles in Ordnung?"

"Jau", lachte Julia, "alles wunderbar. Schön, daß ihr schon da seid."

"Was heißt hier schon. Es ist fünf vor sechs. Tu nicht so, als wären wir zu spät gekommen." Sie grinste. "Wir können auch wieder gehen."

"Von wegen!" Niklas hob beschwörend einen Finger und lenkte seine Gedanken kurz von der Kurve weg. "Ich hol euch wohl wieder ein."

"Ach, Nik, das glaube ich kaum." Hanna lachte kurz auf und sah auf die füllige Gestalt ihres Kollegen. Niklas war, mit kurzen Worten, beleibt und etwas aus der Form. Er war nicht der Schmalste, noch nie gewesen. Aber ihn störte das nicht. Schwarzenegger war out, war sein Leibspruch, den er bei jeder sich bietenden Gelegenheit von sich gab. Er mochte das Gerede über seine Körperfülle nicht sehr gerne, aber ihn störte es auch nicht, wenn sich andere darüber amüsierten, solange alles in einem gewissen Rahmen blieb. Hanna gehörte zu den Schwestern, denen er alles verzieh. Selbst dumme Sprüche über sein erhöhtes Gewicht.

Er knurrte ironisch. "Dich hole ich noch ein, wenn ich doppelt so dick bin."

"Laß das mal. Du hast gleich Urlaub, da wollen wir Dich nicht noch kurz vorher stressen."

Sie folgte ihren beiden Mitschwestern von der Frühschicht in den angrenzenden Frühstücksraum, und die Stimmen der drei Neuen vermischten sich, waberten als Unruhemotor durch die inzwischen beängstigend abgestandene Luft der Nacht. Helles Gelächter drang auf den Flur, verdrängte den Mief von Adrenalinspuren. Die zwei Nachtwächter entspannten sich.

"Puh!" Julia warf den Kuli auf den Tisch. Ein letzte Blick in ihr Zimmer, von dem sie nur durch Glasscheiben getrennt war. Dann reckte sie ihre Arme in die Luft, rieb sich müde die Augen. "Geschafft. Mir reicht‘s. Ich geh schon mal und mach Übergabe. Wie weit bist Du? Kann ich Dir noch was helfen?"

"Nein. Ich muß nur noch kurz einen Bericht schreiben, dann komm ich nach."

In Niks Zimmer meldete sich ein Infusomat.

"Ist das bei Dir?" fragte Julia.

"Ja, eine Infusion. Ich geh gleich hin."

"Okay, also, ich mach Übergabe."

Julia stand auf, nahm ihre Kurven und gesellte sich zu den drei Wartenden in die Küche. Schnell glitt ihre dunkle Stimme in das unterschwellig nebensächliche Gespräch ihrer Kolleginnen. Lautes Lachen ertönte, als eine von ihnen gerade eine Anekdote vom vergangenen Tag erzählte. Nik grinste.

"Was für’n Haufen", dachte er für sich und meinte es positiv. Die vielen Notfälle, das ständige Auf und Ab des Lebens auf dieser Station, entschuldigten oftmals übertrieben wirkenden Sarkasmus und oberflächlich angehauchten Zynismus. Auch wenn es für Außenstehende schlecht zu verstehen war.

Niklas löste die angespannte Haltung seiner Patientin, die durch den Infusomaten noch verstärkt worden war, indem er den Apparat ausstellte. Er trat an ihr Bett.

"War nicht bei Ihnen!" Seine beruhigende Stimme ließ sie kurz nicken, ehe sie die Augen wieder schloß und in einen leichten Schlaf zurückfiel.

Die Übergabe war pünktlich zuende. Gerade als Julia und Niklas ihre Kittel überzogen, ging die Tür der Station auf und zwei Feuerwehrmänner in roten Jacken brachten auf einer fahrbaren Trage den neuen Patienten, der ihnen schon vor einer Stunde angekündigt worden war. Hanna ging ihnen entgegen.

"Das hat aber lange gedauert." Ihre Augen überflogen mit gewohnt sicherem Blick den Liegenden. Sein Kopf war verbunden, Blut sickerte aus kleinen Wunden und färbte hier und da den Verband rot. Was sich unter der Überdecke noch alles befand, war nicht ersichtlich. Aber gut sah es nicht aus. Der Beatmungsschlauch ragte aus seinem Mund wie ein Teil aus einer anderen Welt. Einer der Männer drückte den Ambubeutel immer wieder in einem genau festgelegten Rhythmus zusammen, und bei jedem Hub füllte sich der Brustkorb mit Luft und Sauerstoff, hob sich der Thorax wie durch unsichtbare Hand.

Hannas Stirnfalten runzelten sich. "Warum habt ihr nicht gefunkt, daß ihr einen Beatmungsplatz braucht? Dann hätten wir schon alles vorbereiten können."

"Ach, Schwester Hanna", grinste einer der Männer überzogen ironisch, "wenn wir alles vorher wüßten ...."

"Sparen sie sich Ihren Humor, Doktor Schmidt. Er ist hier nicht angebracht!"

"Wo soll er hin?" fragte der zweite Mann des Krankenwagens. Er war der Rettungsassistent, ein junger Bursche, noch sehr überfordert in seinem Beruf. Hektische Augen fuhren über die Betten der einzelnen Zimmer. Hier könnte er nie arbeiten, bei aller Liebe nicht. Der kurze Einsatz vor zwei Monaten, im Rahmen der Rettungsausbildung, hatte ihm gereicht.

"Was hat er denn überhaupt?"

"Prellungen im Thoraxbereich, Rißwunden am Kopf, Verdacht auf Schädelbasisfraktur." Schmidt zählte einige weitere Diagnosen wie Perlen auf einer Schnur auf. Das Spektrum war lang, und die nüchterne Stimme des Arztes durch die langjährige Berufserfahrung geprägt. Dabei wirkten seine Bewegungen am Beatmungsbeutel mechanisch.

"Hat er irgendwas nicht?" fragte Hanna, als sie die Trage in den ersten Raum, einem Einzelzimmer, zog. Hinter ihr begann eine andere Schwester das Beatmungsgerät ins Zimmer zu schieben.

"Ja", Schmidt schmunzelte. "Hämorrhoiden."

Hanna würdigte diesem sarkastischen Einwurf keine Antwort. Statt dessen baute sie mit sicherem Griff das Beatmungssystem zusammen, entknotete die Infusionsleitungen und brachte eine gewisse Ordnung in das Chaos der ersten Hilfe. Dann wuchteten die drei, zusammen auf ein Kommando hin, den Patienten ins Intensivbett. Laute Pieptöne erklangen, als der EKG-Monitor ansprang und die Beatmungseinheit leise und mechanisch zu blasen anfing. Den Anfang des Schlauches setzte Hanna fachmännisch auf den Tubus, dessen Ende aus dem Mund des Verunfallten ragte. Sofort übernahm das Gerät die Luftzufuhr, während die Stationsschwester weitere Einstellungen vornahm.

"Stefanie", Hanna sah ruhig auf eine ihrer Mitkolleginnen aus der Frühschicht, "ruf mir bitte den Diensthabenden an. Er soll sofort hierher kommen. Neuaufnahme."

"Mach ich." Die Angesprochene verschwand und wählte am Telefon die Nummer des Nachtwachenzimmers, ein Stockwerk unter ihnen.

Niklas schüttelte den Kopf. Er saß im Flur vor dem großen Monitor und wartete, ob er noch etwas helfen konnte. Da dem wohl nicht so wahr, schlug er sich leicht auf die Schenkel und nahm Julias Arm.

"Auf geht’s", sprach er müde. Die Nacht war anstrengend gewesen, und die ganze Woche ebenfalls. Wenn man sieben Tage kaum Sonnenlicht genießen konnte, fehlte dem Körper seelische Wärme. Und einige andere Dinge dazu.

"Oh, warte." Julia schüttelte ihn ab und verschwand für eine Minute in dem Zimmer, welches sie die Nacht über betreut hatte. Niklas sah sie neben dem Bett mit dem frisch operierten Patienten stehen. Endlich kam sie zurück.

"Ich mußte noch was eintragen", entschuldigte sie sich.

"Was sein muß." Niklas gähnte und rieb sich die müden Augen. "Los jetzt."

"Tschüs, ihr beiden", erscholl Hannas Stimme aus dem ersten Zimmer. Immer noch war die Stationsschwester damit beschäftigt, die vielen Kabel der einzelnen Infusomaten und Perfusoren zu ordnen, die sie an dem neuen Patienten angehangen hatte.

"Tschüs." Nik rang sich ein müdes Wort aus der Kehle, dann verschwand er zusammen mit Julia von der Station hinaus in den angrenzenden Flur. Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloß, welche die Intensivabteilung von den anderen Stationen abgrenzte. Ohne ein weiteres Wort schlichen beide die Treppe hinunter in den Keller, wo ihre Umkleideräume lagen. Vor den Türen, hinter denen sich jeweils eine Reihe von Spinden hinzogen, verabschiedeten sie sich mit einem letzten, fast erzwungenen Spruch auf den Lippen.

Der grüne Spind bot von außen keinerlei freundliche Punkte. Keinen Aufkleber, wie einige andere, oder Kritzeleien. Als Niklas ihn aufschloß und sich die Tür leise knarrend öffnete, flatterte ein Stoß Zettel hinunter auf den Boden. Nik fluchte laut und bückte sich, um jeden einzelnen sorgfältig wieder aufzuheben. Laborzettel, abgelaufene Rechnungsbelege, Beipackzettel aus Medikamentenschachteln. Alles eigentlich überflüssiger Müll, aber er konnte sich einfach nicht von diesen Sachen trennen. Sammler und Jägerinstinkt, wie viele lächelnd meinten. Immerhin, Nik besaß Ordnungswut, eine vorteilhafte Eigenschaft, die ihm sehr oft gut ausgekommen war. Nicht zuletzt deshalb wurde er von seinen Kollegen hoch geschätzt. Für ihn war das eher nebensächlich. Er tat es aus eigenem Interesse. Immer den Überblick behalten, war sein Wahlspruch.

Er lächelte, als er sein T-Shirt anzog. Drei Stunden noch, dann würde er losfahren. Ab nach Greven, Reise aussuchen und weg in den Süden. Zwei Wochen Mallorca. Oder Ägypten? Man wußte nie, was bei last-minute angeboten wurde. Allerdings auch nicht, was einen in der Ferne erwartete. Mieses Hotel, eventuell sogar nur Zelt mit Halbpension und Wanderameisen. Egal. Hauptsache raus aus dem Alltagstrott.

Als er gerade den Gürtel seiner Hose zuschnallte, trat Doktor Wennemann in den Umkleideraum.

"Morgen, Herr Brüning", grüßte er freundlich mit einem leichten Kopfnicken. "Na, haben Sie einen neuen Patienten erhalten? Sah den Unfallwagen auf der Sinninger-Straße. Lag im Graben, sah derbe beschädigt aus. Holländisches Kennzeichen. Wohl zu schnell gewesen in der Kurve."

Niks Augen trafen das Gesicht des Professors. Irgendwie sah er heute schlecht aus, gestreßt, mitgenommen. Rote Wangen, weiße Farbstippchen auf der Stirn, unordentliche Haare. Wennemann wirkte, als käme er gerade aus dem Bett. Kennt man gar nicht bei ihm, fiel es Niklas ein. Wennemann war ein stattlicher, immerhin 1,90 Meter großer, gutaussehender Mann mit durchtrainiertem Körper. Dichtes weißes Haar fiel strähnchenhaft durcheinander, und unter seiner Nase hing ein kleiner, ebenfalls weißer Schnäuzer. Sein moderner Anzug mußte teuer gewesen sein, das konnte man sehen. Designermode, passend zu den italienischen Schuhen. Wennemann kannte seine Position in der Gesellschaft, und er hielt sich an die Normen und Erwartungshaltungen. Was er sich allerdings nie nehmen ließ, waren die persönlichen Gespräche und Kontakte zu den Patienten, zum Pflegepersonal, ja, sogar zu den Leuten, die er nur ab und zu im Krankenhaus gesehen hatte, und die er eigentlich gar nicht kannte. Keine Frage, Wennemann war mehr als beliebt.

Niklas nickte. "Ja, liegt jetzt bei uns auf der Intensiv. Muß ordentlich was abbekommen haben, wenn ich die ganzen Diagnosen richtig verstanden habe."

"Aha." Wennemann zog sich einen weißen Kittel über sein Jackett. "Welcher Notarzt war denn raus?"

"Schmidt."

"So, Schmidt?" Der Prof verharrte einen Moment, dann richtete er seinen Kragen zurecht und wandte sich hinaus. "Schönen Tag noch, Herr Brüning. Schlafen Sie gut."

"Danke, Professor, ebenfa ..." Aber der Angesprochene war schon zur Tür hinaus. Nik zuckte die Achseln und schloß seinen Spind ab, ehe er das Licht ausschaltete und aus dem Kellerraum trat.