Hermann J. Mürmann

Die zwölf Hindernisse
auf dem Weg
in eine beglückende Gegenwart




Das Hindernis des Anhaftens

Der Zen-Weg lehrt uns, frei zu werden vom Anhaften und offen und weit zu sein wie der Himmel. Wir verschließen uns augenblicklich dem Gegenwärtigen, wenn wir einer Sache oder einem Zustand anhaften. Auch während des Zazen begegnen wir dem Anhaften. Das Bewusstwerden der eigenen guten Verfassung oder der dauerhaften Konzentration führt schnell dazu, diesen Zustand bewusst beibehalten zu wollen. Wir könnten darin unseren Fortschritt erkennen und fühlen uns vielleicht geschmeichelt. Und wieder sind wir dem Anhaften erlegen, das uns hinausführt aus dem Fluss des Augenblicks.

Ich möchte Ihnen noch eine kleine Zen-Geschichte erzählen, die der eine oder andere von Ihnen sicherlich schon mal gehört hat und die das innere Anhaften sehr schön verdeutlicht:

"Zwei Zenmönche gehen von einem Kloster zu einem anderen. Der tagelange Regen hatte einen Bach zu einem Fluss anschwellen lassen und die Brücke, die über ihn führte, fortgespült. Eine junge Frau stand an dieser Stelle und wusste nicht, wie sie den Fluß überqueren sollte. Einer der Mönche bot sich an, sie über den Fluss zu tragen. Nachdem er dies getan hatte, setzten die beiden Mönche ihren Weg fort. Es verging eine ganze Zeit und noch eine lange Weile, bis der andere Mönch das Schweigen brach und sagte: "Du kennst doch unser Gelübde und weißt, wie gefährlich es ist, sich Frauen zu nähern. Wie passt es dazu, dass du dich diesem schönen Mädchen nicht nur genähert, sondern es auch noch ganz auf die Arme genommen hast?" Da erwiderte der Angesprochene: "Ich habe das Mädchen am anderen Ufer abgesetzt, trägst du sie jetzt noch mit dir herum?"