Eddy Langer

Kaja

Aus dem Leben eines kaukasischen Schäferhundes

Die Autorin:



Ich lege Wert darauf, daß Ihr wenigstens das Wichtigste über meine Menschenfreundin Eddy Langer erfahrt, bei der ich ja so fabelhaft angenehm und großzügig wohne und die mir meine ganze Geschichte in die Schreibmaschine getippt hat, weil die für so große Hundepfoten ja nicht gebaut ist. Also, meine Menschenfreundin wurde 1949 in Schwerin geboren, ist in Westdeutschland aufgewachsen und lebte 25 Jahre in Mailand. (Ich lebte ja auch dort. Ach, ich könnte manchmal richtig losjaulen vor Heimweh.) Jetzt wohne ich mit ihr und ihrem Mann in Florida. - Was mir da schon wieder alles passiert ist! Aber vielleicht erzähle ich das ein anderes Mal.



In der allerschönsten Aprilnacht wurde ich geboren. Der Himmel war klar und kein noch so kleines Wölkchen traute sich, den Mond oder die Sterne zu verdecken. Im ersten Moment meinte ich, gleich alle Sterne zählen zu müssen, aber dann blieb mein Blick auf einem ganz besonders leuchtenden hängen. Mir erschien er größer und heller als alle anderen und je länger ich ihn bestaunte, desto mehr gefiel er mir. Ich glaube, in diesem Augenblick sah mich auch dieser Stern, denn seine Strahlen wurden plötzlich viel länger und, wenn es überhaupt möglich war, noch glänzender. Ich meine sogar, daß er mir heimlich zuzwinkerte, um mich als neuen Erdenbewohner freundlich zu begrüßen. Da wußte ich, dieser Stern würde mich mein Leben lang begleiten und mir Glück bringen.

Bei diesen ersten Gedanken drehte ich mich langsam zu meinen Geschwistern, drängelte sie ein bißchen links, schubste etwas nach rechts, bis ich gemütlich zwischen ihnen lag und an das weiche Fell und den warmen Bauch meiner Mama kam.

Ich heiße Kaja. Wer kann sich schon seinen Namen selbst aussuchen? Anfangs fand ich ihn wirklich sehr häßlich, aber mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Lieber wäre mir natürlich so ein edler Name wie Gertrud, Eleonora oder auch Katinka gewesen, da ich aus einer guten alten Rasse abstamme. Mein Papa, mein Opa und sogar mein Ur-Opa gewannen einen Schönheitspreis nach dem anderen.

Aber auch meine Mami war hübsch. Doch sie bekam ihren ersten Preis von uns Geschwistern für ihre unermüdliche Liebe. Ihre Zuneigung zeigte sie uns mit ihrer Zunge, mit der sie uns leckte und wusch. Weiß der Himmel wie, aber sie wußte sogar, wenn einer von uns Bauchschmerzen hatte, und dann massierte sie ununterbrochen den winzigen Bauch, bis es ihm wieder gutging. Eine weitere Auszeichnung bekam sie für ihren Mut, weil sie uns gegen alles und jeden bis aufs äußerste verteidigte. Kein Fremder durfte sich uns seinerzeit nähern.

Mir fällt auf, daß ich mich eigentlich gar nicht richtig vorgestellt habe. Meinen Namen habe ich zwar erwähnt, aber ich habe nichts davon gesagt, daß ich das Prachtexemplar eines großen Familienclans bin. Ich habe zwei Schwestern, aber leider auch sechs Brüder.

Kann mir jemand einmal sagen, warum Brüder immer größer und stärker sind als Schwestern? Ich finde, es ist eine Ungerechtigkeit sondergleichen! Wir gehören einer der schönsten Hunderassen der Welt an, zumindest ist meine Familie davon felsenfest überzeugt, denn wir sind Kaukasische Schäferhunde. Unser flauschiges Fell ist grau und weiß. Wir haben riesige Pfoten, einen mächtigen Kopf und Schlappöhrchen, die uns beim Laufen manchmal die Sicht nehmen. Bei einem Hopser fliegen sie hoch in die Luft, nur um uns beim nächsten Hopser klatschend auf die Augen zu fallen.

Mein Papi wog bestimmt über 70 Kilo, aber um an sein Gewicht zu kommen, würden wir noch sehr viel Milch bei unserer Mama trinken müssen.

Unsere Tante, eine Schwester meiner Mutter, bewohnte gleich neben uns eine komfortable Hundehütte für Singles. Sie trug ihre Nase recht hoch, denn sie hielt sich für ganz besonders fein. Am liebsten wäre sie über die Erde geschwebt, damit bloß nicht ihre Pfoten schmutzig würden. Ja, solch eine elegante Dame mußte nun unsere Nachbarschaft ertragen. Ich bin sicher, daß sie jedesmal ihre stolze Nase gerümpft hat, wenn wir laut schmatzend unsere Mahlzeiten einhielten.

...............

Abends lagen wir eng bei unserer Mami im Garten. Wir genoßen sehr diese Abendstunden, denn inzwischen war es wärmer geworden. Über uns der Sternenhimmel mit meinem speziellen Freund, der mich jede Nacht freundlich anlächelte und sich mit mir freute, daß ich schon so groß geworden war. Ich glaube, er spitzte auch ordentlich seine Öhrchen, denn Mami erzählte uns oft Geschichten unserer Ahnen. Mit verträumten Augen berichtete sie von einem fernen Land, dem Kaukasus, wo die Landschaft ganz anders aussähe als hier bei uns in Mailand. Dort gebe es viele schneebedeckte Berge. Bis jetzt habe ich nicht begriffen, was Schnee ist.

Mami sagte, es sei ein bißchen wie weißer Regen. Regen ja, den kenne ich, der fällt lustig vom Himmel, aber wir haben solch ein dichtes Fell, daß wir trotzdem nicht bis auf die Haut naß werden. Es reicht, wenn wir uns einmal ordentlich schütteln, und schon sind wir trocken.

Mami sagt, daß wir solch ein dickes Fell haben müßten, um nicht zu frieren, weil es im Winter dort in den Bergen eisig kalt sei. Schließlich hätten wir dort unsere Aufgaben zu erfüllen. Bei dem klirrenden Frost fänden die Bären und Wölfe in den Bergen oder den Wäldern kein Futter mehr. So würden sie sich langsam zu den Häusern schleichen, um dort etwas Freßbares zu finden, und das müßten wir auf jeden Fall verhindern.

"Was bleibt denn für uns und unseren Herrn, wenn sich diese Tiere an unsere Vorräte machen?"

Jedesmal hob Mami ihre Stimme, wenn sie an dieser Stelle ankam und uns eintrichterte, daß wir die einzige Hunderasse seien, die es mit diesen wilden Tieren aufnehmen könnte. Nur wir würden Bären und Wölfe bekämpfen und würden sie in ihre Einsamkeit zurück jagen, fort von dem Haus, das wir beschützten und in dem wir lebten. Darum müssten wir auch viel essen, um stark zu werden, damit die Bären uns nicht auslachten, wenn wir sie vertreiben wollten. Gut, einen Wolf konnte ich mir vorstellen. Das müßte so etwas wie ein wilder Hund sein. Aber einen Bären, der einmal auf vier Beinen und einmal auf zwei Beinen lief, das mußte ein komisches Tier sein. Bisher hatte ich diese gefährlichen Biester noch nie gesehen. Bestimmt waren die Vögel an allem schuld. Diese geschwätzigen Schnäbel hatten sicherlich die Neuigkeit in ganz Italien von Baum zu Baum herumgepiepst, daß unsere Eltern durch uns Verstärkung bekommen hatten. Klar, daß sich jetzt weder Bär noch Wolf nach Mailand trauten.

"Sternchen, so wird es sein! Du brauchst gar nicht so blöd zu grinsen, oder hast du etwa eine andere Erklärung?”

Wir schliefen zwar noch recht viel, aber wenn wir wach waren, spielten wir Geschwister miteinander. Mit meinen beiden Schwestern hatte ich gar keine Probleme, denn ich war die größte und dickste von ihnen.

...............

Die Tage vergingen wie im Flug, und ehe ich mich versah, war ich bereits sieben lange interessante Monate auf dieser Welt. Längst war ich Fox über den Kopf gewachsen. Ich konnte fast auf ihn hinuntersehen. Nun mußte ich ernstlich aufpassen, daß ich ihm nicht wirklich wehtat, wenn ich mit ihm spielen wollte.

Der beste Platz war und blieb für mich die Küche. Ich liebte sie, vor allem wenn ich unsere Töpfe klappern hörte. So lag ich eines Tages dort, ganz bequem auf dem Rücken, alle vier Füße hoch gestreckt und gegen den Schrank gelehnt. Ich wartete auf die Dinge, die da kommen sollten. Fox war auf der Wiese, um sich seine Beine zu vertreten. Plötzlich erreichte mich ein schriller Hilferuf von ihm. Ich war noch nie so schnell auf meinen Beinen wie in diesem Augenblick. Ich bekam gar nicht so schnell die Kurve aus der Küche. Rutschend und mich an allen Ecken stoßend kam ich schließlich in den Garten. Fox stand mitten im Gras und starrte ängstlich eine Zaunhecke an. Das dahinter angrenzende Grundstück gehörte zu einer Fabrik. Foxis Augen folgend, sah ich die Köpfe von zwei Schäferhunden zwischen den grünen Blättern neugierig bellend hervorlugen. Das alles registrierte ich, während ich rannte.

"Meine lieben Hausnachbarn, so haben wir nicht gewettet! Spinnt ihr? Wollt ihr meinen armen Opa umbringen? Er ist ja einem Herzinfarkt nahe, ihr dämlichen Spitzohren.”

Mein Fell sträubte sich, und ich knurrte wütend, während ich schnurstracks auf die beiden zurannte.

"Ihr Opakiller bekommt es jetzt mit mir zu tun!"

Ich sprang mit voller Wucht gegen den Zaun, den ich glatt vergessen hatte, denn ich sah nur die beiden Nervensägen vor mir, die wie angenagelt davor standen. Als ich so wütend gegen den Zaun krachte, machten sie schleunigst einen Riesensatz zurück und trampelten sich dabei gegenseitig auf die Pfoten.

"He, ihr Trampeltiere, wenn ihr glaubt, daß ihr zwei starken Typen euch mit einem armen alten Opa anlegen könnt, dann habt ihr euch getäuscht. Solange ich hier bin - und ich bleibe zu euerem Leidwesen - müßt ihr erst mich bezwingen. Das dürfte selbst für euch beide nicht ganz einfach sein. Stellt eure Lauscher noch spitzer auf: Opa gehört mir, er ist also kein Fraß für freche Schäferhunde!"

Die beiden standen stocksteif da und wußten nicht, wie sie reagieren sollten. Für sie war ich bestimmt ein teuflischer Geisterhund, der urplötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war. Sie fanden es vernünftiger erst einmal den Rückzug anzutreten. Ich reckte mich höher, um noch größer zu erscheinen und mußte fast grinsen, als ich ihren vorsichtigen Rückwärtsgang beobachtete.

"Jungs, bleibt von der Bremse und legt die Pfoten auf das Gaspedal, verschwindet, aber flott!"

Und tatsächlich, sie trollten sich davon.

Ich blieb einen Moment reglos stehen, um ganz sicher zu sein, aber als ich nur die Schwanzspitzen der beiden sah, beruhigte ich mich. Opa fiel mir ganz heiß ein, vielleicht war er bereits vor Schreck gestorben. Schnell drehte ich mich zu ihm um. Er war zur Salzsäule erstarrt. Ich lief auf ihn zu und leckte über seine braune Nase.

"Siehst du, Opilein, hab keine Angst, es ist alles wieder in bester Ordnung. Das habe ich mit links gemacht. Früher hast du auf mich aufgepaßt. Heute achte ich darauf, daß dir niemand etwas tut. Nun beruhige dich, ich habe alles unter Kontrolle!"

...........................