Eddy Langer

Agaven am Fluß

Am kommenden Vormittag wurde das Kind stiller. Es lag, wie vorher, im Hof. Am Nachmittag wurde ich durch eine wachsende Unruhe draußen aufmerksam. Ich hörte, wie in dem Zimmer gegenüber von uns viele Indioweiber ein und ausgingen. Carmen und die Großmutter liefen aufgeregt herum. Maria kam und bat mich um eine freie Stunde.

"Warum brauchst du eine freie Stunde, wohin willst du?"

"Na ja, ich muß doch den Leuten helfen!"

"Welchen Leuten mußt du helfen und wobei?" hakte ich nach.

"Carmens Kind wird jetzt geheilt und morgen wird es gesund sein!" freute sie sich und lief davon.

Im Zimmer gegenüber konnte ich einen Tisch sehen auf dem brennende Kerzen standen. Carmens Kind wurde gebracht und auf den Tisch gelegt. Fremde Indioweiber standen herum, ebenso die Großmutter. Ein Weib brachte auf einem Tablett einen Glaskrug, der mit Wasser gefüllt war. Ein rohes Ei lag daneben, samt einer Menge Kräuter. Sie trug alles ins Zimmer. Von der Straße her hörte ich lautes Geschrei. Einige Indiomädchen trieben einen fremden Hund in den Hof, einen der vielen, der die Straßen bevölkerte. Jaulend versteckte er sich hinter dem Waschtank. Jetzt waren alle Frauen im Zimmer. Ein Weib stand am Kopfende des Kindes, hob beschwörend die Hände, murmelte vor sich hin, rief zwischendurch laute, unverständliche Worte, scheinbar in der Quechuasprache der Indios. Die anderen standen mit ersten Mienen dabei. Eine ganze Weile dauerte die Beschwörung, dann wurde dem Kind ein breites rotes Band um den Bauch gewickelt, auf dem die Kräuter verteilt wurden. Sie hielt das Ei an den Kopf des Kindes, während sie sich beschwörend hin und her bewegte. Das Ei wurde am Krugrand zerschlagen und ins Wasser geworfen. Sofort lief Carmen mit dem Krug in den Hof, goß den Inhalt in eine Schale und stellte sie vor den armen verängstigten Hund, der alles verschlingen sollte. Hier war also eine richtige Hexerei im Gange. Gespannt beobachtete ich alles ganz genau, aber jetzt rann mir ein Schauer den Rücken herunter. Sie schienen im Mittelalter zu leben! Die Kerzen wurden gelöscht, die Frauen gingen fort und der Kleine wurde auf seinen alten Platz im Hof gebracht. Er war ganz still, weder wimmerte noch weinte er. Alles ging nun seinen geregelten Gang, so wie immer, die Familie kam zum Essen. Ich fragte mich, ob die Hausfrau wußte, was da vor sich gegangen war. Glaubte sie vielleicht auch an diese Hexereien?

Als abends Señor Montero nach Hause kam, bestürmte ich ihn mit meinen Fragen, nachdem ich ihm das Erlebnis erzählt hatte. Er wurde bleich im Gesicht, was bei seiner dunklen Hautfarbe grünlich wirkte. Er wurde richtiggehend böse. Ohne mir etwas zu sagen, rannte er hinaus zu den Hausleuten und überschüttete sie mit einem Schwall Beleidigungen. Doch zu meinem Erstaunen blieben sie ganz ruhig. Keiner antwortete ihm. Es schien vor allem darum zu gehen, daß eine Ausländerin bei der Zauberei zugesehen hätte, was eine Schande sei, rief er immer wieder.

Nachdem er sich beruhigt hatte, war er sogar bereit, mir die Vorgänge zu erklären. Er tat es etwas zögernd, so als schäme er sich dafür. Ich fand die Geschichte interessant. Die mir unbekannten Weiber, die hierher kamen, waren als Hexen bekannt. Sie machten Beschwörungen aller Art. Es waren, wenn man so will, Berufshexen. Davon sollte es hier genügend geben. Nach der Meinung dieser Leute war das Kind nicht krank, sondern nur vom bösen Blick getroffen. Durch die Beschwörung ging der böse Blick ins Ei über und ertrank im Wasser. Zur Sicherheit mußte der Hund die Schale leertrinken, damit der böse Blick auf ihn überginge und er an der Krankheit verendete, das Kind aber würde gesund.

Ich wartete also gespannt, wie die Geschichte weitergehen würde. Kaum eine Stunde später, noch vor dem Schlafengehen, begann ein fürchterliches Geschrei. Soeben war das Kind gestorben. Carmen bot einen erschütterten Anblick. Sie schrie, wälzte sich auf dem Boden und raufte sich die Haare. Die anderen standen mit ernsten Mienen dabei, oder schrien einfach mit. Nachbarn erschienen halb bekleidet in ihren Türen, auch Señor Montero war aufgestanden. Die arme Carmen tat mir leid. So wie sie sich gebärdete, schien sie vor einem Nervenzusammenbruch zu stehen. Nur Señor Montero war ruhig, sogar etwas ungehalten von dem Lärm. Er versicherte mir, daß alles was da geschehe schlicht und einfach Theater sei. Es gehörte dazu, daß die Mutter schrie, der Brauch verlangte es. Konnte das möglich sein? Ich ließ Carmen nicht mehr aus den Augen und tatsächlich, es dauerte nicht lange und Carmen neigte sich zu ihrer Nachbarin, um ihr mit lächelndem Gesicht etwas zu erzählen. Kaum erschien eine andere Nachbarin, fing sie herzzerreissend an zu schreien, lief verzweifelt hin und her und die anderen beeilten sich wieder ernste Mienen aufzusetzen. Die verzweifelte Mutter wurde begutachtet, aber niemand sprach ihr Trost zu. An Schlaf war natürlich nicht mehr zu denken. Leute kamen und gingen, stets von neuem Geschrei begleitet. Ich hielt meine Tür fest verschlossen und machte mich so unsichtbar wie es mir möglich war.

Am nächsten Morgen wurde das tote Kind gleich im ersten Zimmer neben der Eingangstür aufgebahrt. Es hockte fast sitzend, wie von den Blumen gestützt, auf dem Tisch. Rings um es brannten Kerzen. Es war mehr als nur ein unheimlicher Anblick. Alle standen um den kleinen Toten herum und erklärten, daß das eine selten schöne Aufbahrung sei. Die Leute unterhielten sich ganz unbefangen. Sie lachten und meinten: "Jetzt ist er ein Engel und fliegt mit den anderen im Himmel!" Mir erschien es, daß sie vergessen hatten, daß es sich um ein totes Kind handelte, es glich mehr einer Feier. Zum Glück verlangte das Gesetz, daß Tote sofort begraben werden mußten und es war eines der wenigen Gesetze, die wirklich eingehalten wurden. Gegen Mittag kam ein Indio, der Diener des Sargmachers, mit einem kleinen Sarg. Das Geschrei begann von neuem als das Kind in den Sarg gelegt wurde. Der Indio nahm den Sarg unter den Arm, ein anderer folgte ihm mit einem Spaten. Und dann gingen sie zum Friedhof. Einige Männer gingen mit, aber alle Frauen blieben zu Hause und räumten das Zimmer auf. Es dauerte gar nicht lange und Carmen plauderte ganz unbefangen mit den anderen Dienstboten. Den Rest des Tages verbrachte ich unter dem Eindruck und mit der Verarbeitung des Erlebten. Immer größer wurde mein Wunsch endlich in die Fabrik zu kommen, in der wir alleine leben könnten.

Das Unglück klopft nie höflich an und bittet um Einlaß...........