Hubertus Knispel

Wasser des Lebens

1. Kapitel

Der Aufbruch

Wie jeden Morgen saß Reilff auf dem flachen Gipfel des Berges, der eher ein Hügel war. Eigentlich ist der Begriff Morgen fehl am Platz. Auf Stakon gibt es keine natürlichen Tageszeiten. Das Leben ist in Wach- und Ruheperioden eingeteilt. Auf Stakon ist es immer hell, jedenfalls in der ewigen Wüste und der gemäßigten oder auch Grauzone, der Rest der Welt liegt in immerwährender Finsternis. Das liegt einzig an der Tatsache, daß Stakon keine Eigenrotation besitzt. Eine Hälfte befindet sich stets im Sonnenlicht, die andere dagegen in ständiger Dunkelheit. Da der Planet aber eine Atmosphäre hat, gibt es das Wunder des Lebens, denn die Sonne Kyll schafft einen Streifen gemäßigten Klimas. Die Grauzone. Einen etwa 100 Meilen breiten Streifen zwischen Licht und Dunkel, einen Streifen ohne Morgen, ohne Nacht. Fast ständig weht ein lauer, oft auch heftiger Wind, der manchmal auch ganz zur Ruhe kommt. Dieser Wind weht seit Urzeiten von Ost nach West, was das Aussehen der Planetenoberfläche und der Flora charakteristisch geprägt hat. Schroffe Berge gibt es zwar, ansonsten ist alles eher wellig, vom Wind geschliffen. Die Bäume kann man überwiegend als kleinwüchsig bezeichnen, kaum höher als zwölf Fuß.

Man könnte meinen, die kosmischen Gesetze finden im System der Sonne Kyll keine reguläre Anwendung, alles ist anders, widerspricht jeglicher bekannten Ordnung.

Nun gut, die Menschen auf Stakon kannten es eh nicht besser, für sie war das alles durchaus normal, so auch für Reilff. Hier auf dem Gipfel blies der Wind stärker als unten im Tal.

Da saß er nun, den Kopf auf die Knie gestützt, die Arme um die Beine geschlungen und blickte in das weite Land. Im Tal beendeten die ersten Schläfer die Ruhephase. Die Feuer wurden neu geschürt, Vorbereitungen für die erste Mahlzeit getroffen. Noch hatte er genügend Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen.

Warum ausgerechnet er? Es gab durchaus Begabtere in seinem Alter, die sich seiner Meinung nach besser eigneten. Schamane. Pah, nie hatte er Schamane werden wollen.
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