Horst Hustert

Der Rivale des Pharaos

Bd. 2

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Heute Abend ließ man uns ungefesselt und wir bekamen das erste Mal von ihnen zu essen und zu trinken. Ohne mich mit Butu abzusprechen, zeigte ich auf meine Hände, als die Frau einmal zu mir herüberschaute, und murmelte: »Daya!«

Erstaunt kam sie zu mir. Als ich ihr meine Hände zeigte, schüttelte sie den Kopf und sagte etwas zu Butu. Der grinste und zeigte ihr seine Hände.

»Was meint sie?«, wollte ich wissen.

»Wir seien Weicheier!« Das hatte sie sicher nicht verächtlich gemeint, denn sie kam sofort zurück und hielt Butu etwas hin. Der hielt seine Hände auf und sie schmierte eine Paste darauf. Dann kam sie zu mir und machte das Gleiche. Als sie aufstand, berührte sie unabsichtlich mein Gesicht. Leicht erschreckt sah sie mich kurz an und ging dann schnell weg. Mir wurde es ganz heiß und ich schlug meine Augen nieder, denn ich hatte Sorge, dass sie in ihnen meine Gedanken lesen konnte.

Ein wenig später kam sie zu uns und sprach Butu an. »Sie lässt uns heute nicht fesseln und will wissen, ob wir fliehen würden?«

Ich bekannte offen: »Heute Nacht nicht, denn dafür bin ich viel zu erledigt. Ob mit oder ohne Fesseln, wenn sich in den nächsten Tagen eine Gelegenheit ergeben sollte, werde ich fliehen!« Er übersetzte.

Sie antwortete nicht, aber in ihre Augen trat ein merkwürdiges Glitzern. Dann setzte sie sich wieder zu ihren Leuten.

Gut, dass es Nacht wurde und wir uns erholen konnten. Ich dachte mit einiger Sorge an morgen. Darüber, dass Rudern so anstrengend sein könnte, hatte ich mir bisher nie Gedanken gemacht. Aber in den nächsten Tagen ging es immer besser, zum einen weil wir uns daran gewöhnten, zum andern weil die Paste von Daya half. Gut für uns war auch, dass sie und ihre Krieger es nicht eilig hatten und häufig zwischendurch eine Rast einlegt wurde. Daya hatte am Heck zwei Angeln ausgelegt. Ab und zu biss ein Fisch an, die dann abends für alle zubereitet wurden.

Nach einigen Tagen kamen wir in eine Gegend, wo ein größerer Fluss in den Nil mündete. Dort in der Nähe schlugen wir unser Nachtlager auf.

»Nicht weit von hier entfernt ist der große Sklavenmarkt. Ich war einige Mal dort«, erzählte mir Butu.

Doch Daya und ihre Leute blieben bei uns im Lager und am nächsten Morgen ging es gleich weiter. Zu meinem Erstaunen wurden Butu und ich nicht ans Ruder gesetzt. Stattdessen bekamen wir jeder eine lange Stange und einer der Männer machte uns vor, was wir damit machen sollten. Ich hatte bisher nicht so bewusst darauf geachtet, aber der Nil veränderte sich nach und nach. Schilf, Papyrus und Sträucher standen immer enger im Wasser. Mit Rudern war es irgendwann vorbei, denn der Nil schien sich in den morastigen Ufern zwischen Schilf und Papyrus zu verlieren. Wir mussten die langen Stangen immer wieder in den verschlammten Nilboden stecken, um das Boot durch unsere Körperkraft weiterzubewegen. Ich kannte dies aus der Zeit, als ich im Nildelta war. Dort hatte ich es bei den ansässigen Fischern und Jägern gesehen, die es genauso machten.

Wenn es gar nicht mehr weiterging, sprangen einige der Männer in das seichte Wasser oder gingen an Land, um das Boot mit Seilen weiterzuziehen. Ich war froh, dass Butu und ich im Boot bleiben konnten, denn hier gab es viele Krokodile und es war nicht ungefährlich. Deshalb standen stets zwei der Männer am Bootsrand und hielten ihren Speer wurfbereit.

Es war ein mühseliges Weiterkommen. Abends waren alle todmüde und es wurde nur schnell etwas gegessen, ehe man sich ohne viel zu reden gleich zum Schlafen niederlegte. Kurz bevor ich einschlief kam mir der Gedanke, dass jetzt eigentlich eine günstige Gelegenheit zur Flucht sei, weil wir ungefesselt waren. Doch ich war so erschöpft, dass ich über diesen Gedanken einschlief.

Der nächste Tag verlief ähnlich wie der gestrige. Gegen Mittag mussten einige der Krieger ins Wasser, um das Boot mit einem Seil durch dichtes Schilf und Papyrus zu ziehen. Da geschah es urplötzlich: Ein riesiges Krokodil schoss, vorher für uns unsichtbar, aus den dicht stehenden Wasserpflanzen hervor! Durch unsere Schreie aufmerksam gemacht, retteten sich die im Wasser befindlichen Krieger ins Boot. Nur einer von ihnen, der am weitesten entfernt war, schaffte es nicht mehr. Wir versuchten mit verstärkten Kräften, das Boot näher an ihn heranzubringen, und ein kurzes Stück schafften wir auch, aber das Krokodil war schneller! Als es den Mann fast erreicht hatte, schwirrten zwei Speere durch die Luft! Beide trafen! Für einen gezielten Wurf, um die empfindlichen Stellen des Tieres zu treffen, standen die beiden Krieger zu ungünstig. Das Krokodil, geschützt durch seine dicke Haut, bemerkte die Speere anscheinend nicht einmal. Der Mann schien verloren, denn das Vieh riss bereits direkt vor ihm sein großes Maul auf, um seine Beute unter Wasser zu ziehen. Die messerscharfen Reißzähne waren deutlich zu sehen. Alle schrien durcheinander, am lautesten der Mann im Wasser. Ich auch, gleichzeitig schaute ich zu allen Seiten, um eventuell eine Möglichkeit zu finden, den Mann zu retten. Dort, mitten im Boot, lag ein Speer! Blitzschnell sprang ich hin und packte ihn. Daya hatte es als Einzige gesehen und riss erschreckt ihre Augen auf, weil sie wohl dachte, dass ich die Situation ausnutzen wollte, um zu fliehen. Aber daran verschwendete ich keinen Gedanken. Den Speer fest an meinen Körper gepresst, damit er nicht wegrutschen sollte, sprang ich in das schlammige Wasser. Das Krokodil war so nah, dass ich im Sprung mit meinem vollen Körpergewicht den Speer in sein geöffnetes Maul stoßen konnte. Das war für das Vieh zu viel, es drehte sich, um den Angreifer ausfindig zu machen und ließ dadurch von dem Mann ab. Ich war nun genau neben dem Krieger im Wasser und durch die Bewegung des Tieres wurden wir beide leicht von seinem langen, starken Schwanz getroffen. Ich hatte das Gefühl, als ob mir mehrere Rippen gebrochen würden und bekam kurz keine Luft mehr.

Doch jetzt war das Boot bei uns und hilfreiche Hände streckten sich mir entgegen und zogen mich hoch. Durch den Ruck landete ich unsanft auf dem Boden. Im gleichen Moment fiel etwas Schweres auf mich. Es war der Mann, den man fast gleichzeitig hochgezogen hatte. Er stöhnte laut auf, als wir zusammenstießen. Zumindest waren wir beide in Sicherheit!

Als Erstes sah ich Butu. Sein besorgtes Gesicht war ganz nah vor mir. »Bist du heile geblieben? Oder hast du dich irgendwo verletzt?«

»Zieh mich hoch! Ich weiß es selbst nicht«, murmelte ich, von dem Geschehen ganz benommen. Vorsichtig zog er mich an den Händen hoch. Die Stelle, an der mich der Schlag des Tieres getroffen hatte, schmerzte zwar, aber als ich auf den Beinen stand, ging es. »Scheint alles in Ordnung zu sein«, gab ich Butu kurz Bescheid, denn in diesem Augenblick war Daya zu uns getreten und redete atemlos und schnell auf Butu ein, sodass der sich ganz auf sie konzentrieren musste.

»Sie sagt, dass sie nicht weiß, wie sie dir danken kann! Nun sei sie ganz sicher, dass du kein heimtückischer Mörder bist, wie es ihr der Sklavenhändler beim Kauf erzählt hat. Sie hätte von Anfang an ihre Zweifel gehabt und dich aus einem spontanen Gefühl heraus gekauft.«

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte und um sie abzulenken, fragte ich: »Was ist mit dem Mann? Ist er verletzt?«

Als Butu übersetzt hatte, nickte sie und winkte mir, nach ihm zu schauen. Er hielt sich die Seite, an der ihn das Krokodil getroffen hatte und nahm, als er uns sah, die Hand dort weg. Er musste sich mehrere Rippen gebrochen haben, denn an seiner Seite waren einige Beulen zu sehen.

Doch jetzt geschah etwas Merkwürdiges: Trotz seiner offensichtlich starken Schmerzen stand er auf, um sich vor mir hinzuknien. Dabei berührte er mit seinem Kopf meine Füße und sagte etwas. Daya musste seinen Dialekt erst Butu übersetzen, ehe der mir verraten konnte, was der Mann mit seinem seltsamen Gebaren ausdrücken wollte.
»Sein Name ist Mago! Er sagt, dass er von diesem Augenblick an dein Sklave sei, denn ohne dich wäre er tot. Deswegen gehört sein Leben dir!«

Dieser Mago schien es ernst zu meinen, denn er blieb trotz seiner Verletzung liegen. Was sollte ich machen? Ich war ja selbst ein Sklave. Eine eigenartige Situation, die ich gerne aufgelockert hätte, aber alle machten so ernste und feierliche Gesichter, dass es bestimmt unpassend gewesen wäre.

Um das Ganze zu Ende zu bringen, winkte ich Daya energisch zu und bestimmte: »Butu, sag ihm, er soll aufstehen, damit man seine Verletzungen versorgen kann, denn er scheint starke Schmerzen zu haben.«

Butu brauchte nicht zu übersetzen. Daya verstand sofort, was ich wollte und gab ihren Leuten ein Zeichen, die daraufhin dem Mann hoch halfen. Sie nahm aus ihrem Stoffbeutel ein langes, schmales Tuch und wickelte es stramm um den Oberkörper des Mannes.

»Was hältst du davon, dass ich als Sklave selbst einen Sklaven habe?«, grinste ich Butu an.

Er ging nicht auf meine lässige Art ein und präzisierte: »Es ist so Brauch bei den Leuten und durchaus ernst gemeint! Er wird nicht den ganzen Tag hinter dir hergehen, um dir jeden Wunsch zu erfüllen, aber sollte Daya zum Beispiel befehlen, dich zu töten, würde er sie bitten, dass man ihn, anstatt dich töten soll.« Er schwieg und schaute mich eine Zeit lang eigentümlich an, ehe er weiterredete: »Du bist ein mutiger Mann! Hätte ich dir gar nicht zugetraut. Du kannst kein Mörder sein! Mir ist es übrigens so ähnlich gegangen wie Daya. Je länger ich dich kannte, desto weniger habe ich daran geglaubt, was die Männer von der Sklavenkarawane von dir behauptet haben.«

Ich nickte ihm zu, weil ich keine Worte fand. Ihn in meinem Unglück kennengelernt zu haben, war gut, denn er war mir inzwischen ein Freund geworden.