Nikolas Scheyn

Nachtigall und Zimbelstern

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Gäbe es die Kirchenmusik nicht, die einen Chor und Instrumentalisten und die Orgel mit ihren geheimnisvollen Innenräumen bedingt (als Beispiel sei die Bälgekammer genannt), wäre ich ohne Weiteres in der Lage, von der Existenz christlicher Gemeinden ein für alle Mal abzusehen. Andererseits finanzieren und stimulieren sie mich, wobei im letzteren Fall die Besonderheiten ihrer Versammlungsräume eine Hauptrolle spielen.
An erster Stelle die Orgelempore, die als ein Ort der Sinnlichkeit konzipiert ist, sozusagen als Oase in der Wüste (mit Recht kehrt ihr das christliche Publikum den Rücken zu). Zum anderen die Krypta, die mit ihrem anschaulichen Memento mori das Leben zu mächtigen Demonstrationen herausfordert.
Am Ewigkeitssonntag beobachtete ich Carola, die Altsolistin, wie sie die Schleife ihres schwarzen Rocks löste, mit der einen Hand zwischen die Beine fuhr (die andere hielt den Rock in Höhe des Schamhügels fest) und mittels heftiger Stimulation ihres Geschlechts, während sie gleichzeitig sang, die Selbstbefreiung versuchte: O Tod, wie bitter bist du. Statt auf der Empore führte ich die Chor-Motette in der Grabkammer auf. Im Schlussakkord fiel Carola gegen einen Sarkophag leicht zurück und entblößte dabei wider Willen ihren Spalt oder vielmehr den Beginn davon.
Gesehen hat es außer mir der Kirchendiener Johannes, von dem es hieß, er sei nicht mehr ganz richtig im Kopf. Er zeigte, wie ich im Augenwinkel zu bemerken glaubte, so etwas wie eine verzweifelte Anteilnahme, ein von vielen Nein überlagertes Ja. Nicht gesehen hat es der Pastor Brede, denn er stand auf der obersten Treppenstufe zum Kirchenschiff hin und segnete sein Publikum. Soweit ich das überschauen konnte, hat es sonst niemand gesehen. Die Choristen waren ganz und gar in ihren anspruchsvollen Gesang vertieft.
Totensonntag 2002, Zeit der ersten Nachtfröste.

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Die Kirche lag im Halbdunkel, durch die Fenster fiel nur das wenige Licht eines grauen (und kalten) Tages ein. 10 Uhr. Ich arbeitete im Orgelgehäuse an zwei zerrissenen Abstrakten, die zum achtfüßigen Gedackt gehören; das Register begleitet Rezitative und Arien.
Der Kirchendiener schien nicht zu bemerken, dass die Reparaturbeleuchtung durch die Öffnungen des Prospekts einen Schimmer auf die Orgelempore warf; jedenfalls zeigte er im Vorübergehen keine Reaktion. Ich hielt mich still, weil ein offenbar schwerer Eimer, den er (mit einer großen Schere obenauf) bei sich trug, die Neugier erregte. Was hatte Johannes vor? Warum überzeugte er sich durch Blicke über die Brüstung davon, dass die Kirche menschenleer war? Wen oder was erwartete er, abgesehen von Besuchern, die sich am Wochenende gelegentlich ins Sakrale verirrten? Tatsächlich sah ich, nachdem Johannes sein Ziel schon erreicht hatte, eine Person auf leisen Sohlen durch die Kirche eilen. Es war Viktor, und er strebte der Sakristei zu. Beide im Blick zu behalten, erforderte einen gefährlichen Balanceakt im Orgelkasten. Ich drohte aus dem Prospekt zu fallen und kletterte ein halbes Stockwerk höher. Hier gab es, in Gesellschaft der vierfüßigen Spitzflöte, ein schmales Sitzbrett, auf dem sich das weitere Geschehen ohne Gefahr für Leib und Leben verfolgen ließ.
Während der Pastor die Sakristei aufschloss und hineinschlüpfte, machte sich der Kirchendiener auf der Baustelle (hinter den Plastikplanen) zu schaffen. Er schnitt mit der Schere ein Quadrat heraus, das erste von vielen, die nach und nach über die ganze Länge der Plane ungefähr in Augenhöhe angelegt wurden. Zu welchem Zweck? Sollte die Baustelle belüftet werden? Noch rätselhafter, dass er mit einem kleinen Fernglas hantierte und die Empore gegenüber in Augenschein nahm. Was gab es dort außer leeren Stühlen zu sehen?
Wieder auf der Orgelempore, sah er abermals ins leere Kirchenschiff hinunter und schlurfte nach hinten, an der Bälgekammer vorbei in den Turm. Auf der Bildfläche erschienen zwei Gestalten in Kapuzenmänteln, die sich ängstlich umschauten, bevor sie zur Sakristei liefen. Der Gangart nach schien es sich um Frauen zu handeln. Nahm der Pastor in der Sakristei Beichten ab? Gab es dafür (kurz kurz lang lang kurz) ein verabredetes Klopfzeichen aus dem Morsealphabet? Die Tür wurde einen Spalt breit geöffnet, die Kapuzenmenschen traten ein.
Dass es einen nächsten Auftritt geben würde, spürte ich voraus. Dass es Miriam war, die Sopransolistin, nahm mir den Atem. Was oder wen suchte sie am Vormittag in der Kirche? Und warum kam es auch ihr darauf an, nicht gesehen zu werden? Erst als sie sich allein glaubte, kam sie die Treppe herauf. Ihre schmale Gestalt war in einen knielangen dunklen Mantel gehüllt. Sie trug Stiefel und hatte sich mit einem Tuch muselmanisch verhüllt; gleichwohl ließ sie einige blonde Haarsträhnen sehen. Wie der Kirchendiener blickte Miriam über die Brüstung nach unten, bevor sie am Orgelgehäuse vorbei zur Turmtür ging. Ich hörte aber nicht diese, sondern die Tür zur Bälgekammer klappen. Was nun?
Aus dem vorderen in den hinteren Teil des Orgelkastens zu gelangen, erfordert eine umständliche Kletterei. Nur oberhalb der großen Holzpfeifen gibt es Einsicht in die Kammer, die den Pedalregistern Subbass und Posaune zugeordnet sind. Das erschwerte die Unternehmung. Zweimal musste ich umkehren und über andere Leitern und Laufbretter auf- und abwärtssteigen. Was ich dann im Licht einer schwachen Glühlampe erblickte, ließ nur den Schluss zu, dass ich an Halluzinationen litt.

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Der Zug erreichte Potsdam mit Verspätung, aber die Straßenbahn brachte Walter noch rechtzeitig zur Kirche. Er benutzte einen unbeleuchteten Seiteneingang, der ihn zur gesperrten Empore führen sollte. Niemand begegnete ihm. Anscheinend war der Eingang normalerweise verschlossen, offenbar arbeiteten die Auftraggeber verlässlich. Mithilfe seiner Taschenleuchte fand Walter den Weg nach oben und betrat 20 Uhr 01 die Empore, auf der es nach nassem Mörtel roch.
Was er sah, blendete und verwirrte ihn. Was er hörte (Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage!), bewirkte ein Übriges. Er fühlte sich unwirklich aufgelöst. Vergessen dieses Augenblicks die Beretta in der Manteltasche, das Foto, der Auftrag. Das Weihnachtsoratorium nahm ihn, der sich in der Dunkelheit aufhielt, mit auf eine ziellose Reise. Der Choral Nr. 7 (Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm) ergriff ihn so sehr, dass er weinen musste. Zur Besinnung kam er erst, als im Verlauf der zweiten Kantate Heultöne aus der Orgel drangen, die den Dirigenten veranlassten, die Aufführung zu unterbrechen. Der Organist registrierte um, das verunstaltete Rezitativ Nr. 13 (Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht) wurde wiederholt. Walter schalt sich nun einen Toren, identifizierte sein Opfer auf der Empore gegenüber und entsicherte die Beretta. Mit Beginn der dritten Kantate saß er, die Partitur aufgeschlagen, direkt hinter der Brüstung am Boden und verfolgte die Aufführung erkalteten Herzens, wenn auch in Sorge um das Licht, das er benötigte. 21 Uhr 35 hoben die Musiker zum Schlusschor an. 21 Uhr 36 schob Walter den Pistolenlauf durch eine der Öffnungen in der Plastikplane und richtete den Laserpointer auf die Stirn seines Opfers. Eine Minute und ein paar Sekunden später nutzte er den Paukenwirbel des letzten Taktes, um seinen Präzisionsschuss abzufeuern.
Stille.
Walter zog sich auf dem Weg zurück, den er gekommen war. Zuletzt hörte er einen Aufschrei: »Der Pastor! Der Pastor!«

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Am ersten Weihnachtstag rief die Kommissarin an und bat mich zum frühen Nachmittag in die Kirche. Sie wollte von mir auf den Dachboden begleitet werden.
»Ich werde allein sein«, sagte sie, »Assistentin Reichart besucht ihre Eltern in Wittstock. Den Kirchendiener kann ich aus sachlichen und persönlichen Gründen als Begleiter nicht akzeptieren, und der Vorsitzende ist bekanntlich behindert.«
Einer Begründung für ihr Vorhaben hätte es gar nicht bedurft, ich wusste es ja besser: Wiederum schien eine Gedanken- und Willensübertragung gelungen zu sein. Tatsächlich trug die Kommissarin, wie in meiner Projektion vorgesehen, einen Rock anstelle der Bluejeans, mit denen sie sich (neuerdings eingeschlossen die Dienstwaffe am Gürtel) bisher bedeckt hatte.
Auf dem Weg zur Orgelempore wurde wenig und nur Belangloses gesprochen. Wir wussten beide, dass die Ermittlung auf dem Dachboden auch zum Vorwand diente, das eigentliche Unternehmen zu verschleiern. Die Anspannung nahm zu, als wir die Turmtür neben der Bälgekammer passiert hatten und im Halbdunkel der gewaltigen inneren Balkenkonstruktion die fast frei schwebende hölzerne Treppe betraten.
»Nehmen Sie meine Hand. Ich sehe so gut wie nichts. Ein Handicap. Es dauert ungefähr zwei Minuten.«
Ich hörte ihrer lockenden Altstimme nach, verharrte (wie ich noch genau weiß) auf der vierten Stufe, ergriff ihre ausgestreckte Hand und zog die ganze Person an meine Seite. Unser Atem und unsere Blicke begegneten sich; so ruhten wir ineinander. Dann bildete ich mir ein, dass ihre blauen, wenngleich leicht beschädigten Augen aufleuchteten. War es das Signal der Rückkehr ihres Sehvermögens im Halbdunkel oder das der beginnenden Abwesenheit aller Vernunft auf dem staubigen Weg nach oben?
Orgelmusik setzte ein, und die baufällige Treppe geriet in Vibrationen.
»Passacaglia in c-Moll«, flüsterte ich. »Es ist mein bevorzugter Schüler, der für den Silvestergottesdienst übt. Bekanntlich sind die Christen - in Unterbrechung ihrer Weihnachtsfreude - am letzten Tag des Jahres melancholisch-tiefgründig.«
Ich wollte hinzufügen, dass der Komponist immer ein und derselbe und damit gut für alle denkbaren christlichen Gemütszustände sei, doch die Kommissarin verschloss mir mit einem gehauchten Kuss die Lippen.
»Christoph-Andreas«, wisperte sie, »ich heiße Kerstin.«
Und sie nahm, nun mit mir an der Hand, die weiteren zweiunddreißig Stufen (absurd, ich habe mitgezählt) fast im Laufschritt. Auf der ersten Galerie erwartete uns Licht, das durch die Jalousien der Turmluken einfiel, und der riesige Uhrenkasten, aus dem es stets bedrohlich laut tickt. Die Türen zum Dachboden linker und rechter Hand standen offen.
Kerstin zögerte. Sie schien zu erwarten, dass ich den nächsten Schritt tat; jedenfalls traf mich ein fragender Blick. Die Lektüre des Drehbuchs in meinem Kopf ergab, dass ich eine Forderung stellen durfte/sollte/musste.
Trotzdem wagte ich es nicht.

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Kerstin Matthäi fand den Pförtner schlafend vor und weckte ihn nicht. Er befand sich offenbar in einem beseligenden Traum, denn ein ums andere Mal huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Sie nahm sich vor, ihn aus dem Büro anzurufen. Dort angekommen, vermisste sie ihre Aufzeichnungen zum Mordfall Viktor Brede. Statt beim Pförtner rief sie beim Staatsanwalt an und veranlasste den Rücktransport durch den polizeilichen Kurierdienst. - Sie hatte zwei Stunden lang den Stand der Ermittlungen referieren müssen und war mit ihrem Antrag gescheitert, den Kirchendiener in Haft zu nehmen.
»Meine liebe Frau Matthäi«, hatte der Staatsanwalt gesagt, »für Vermutungen und Spekulationen dürfen Sie mich nicht in Anspruch nehmen. Mag sein, dass Sie einen Teilaspekt des Verbrechens intuitiv richtig erfasst haben, doch bewiesen ist leider nichts.«
Die Kommissarin griff wieder zum Telefon und rief ihre Eltern in Hohen Neuendorf an. Sie habe in der Nacht nur Bereitschaftsdienst und sonst nichts zu tun, was keinen Aufschub dulde. Silvester und Neujahr in Hohen Neuendorf, warum nicht? Sie werde einen Freund mitbringen und deshalb nicht im Kinderzimmer übernachten. Das Gästezimmer sei herzurichten.
Aus seinen Träumen erwachend stellte der Pförtner mit dem Blick auf die Uhr fest, dass er Dienstschluss hatte. In der Drehtür erschien die Ablösung. Sie wechselten nur wenige Worte, dann verließ der frühere Kommandeur das Präsidium. Noch immer befand er sich mit seiner MIG 29 im Übungseinsatz gegen einen unsichtbaren Feind. Darüber vergaß er den Brief. Ebenso wenig reagierte die Ablösung, als die Kommissarin freundlich grüßend aus dem Haus ging.