Ilse Henle

Der Kongress träumt

Roman

Am 8. Mai war es dann so weit. Frau Kanitz, Marlis und Susanna mit Rucksäcken, Kind und Kinderwagen fanden sich an einer Sammelstelle ein, wurden in einen Wehrmachtbus gesetzt, zusammen mit fünfundzwanzig anderen deutschen Frauen und deren Nachwuchs. In einem langen, schwerfälligen Treck von Fahrzeugen und Truppen, schön geordnet, zogen sie los. Sie hatten mit zwei bis drei Tagen gerechnet, die sie unterwegs ins Reich sein würden, notfalls auch doppelt so lange. Für diesen Zeitraum hatten sie sich mit Proviant und Trockennahrung für die Säuglinge versehen. Wasser würden sie sich unterwegs beschaffen müssen. An der Moldau bei Pisek staute sich die ganze Kolonne, weil die Amerikaner sie nicht über die Brücke ans Westufer ließen. Sie warteten Tage und Nächte, dann wurden sie von den Russen eingeholt, die nahmen ihnen erst ihre Uhren und dann den ganzen Bus weg, mitsamt dem größten Teil des Gepäcks. Die deutschen Soldaten mussten umkehren und wurden von den Russen gefangen genommen, die schöne Ordnung löste sich auf, aus den Tagen wurden Wochen...

Wochenlang Hitze, Dreck, Fäkalien, Fliegen, Krankheit. Susannas süßes Kind ein dürres, kotzendes, schreiendes, in Krämpfen zuckendes, dann nur noch röchelndes Etwas, das endlich starb. Sie selbst war an Ruhr erkrankt und hockte ständig scheißend im Straßengraben, den jetzt nach Süden wandernden Treck im Auge, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Dann die Nacht in der Scheune. Mehr als hundert Frauen mit ihren Kindern und ihrer sorgsam gehüteten letzten Habe. Der Einbruch der Russen, betrunkenes Gebrüll, Kommandos in fremder Sprache, der Aufschrei der hundert Frauen, der am weit entfernten Eingangstor begann, sich in einer riesigen Welle heranwälzte und sich brach an der hinteren Scheunenwand, an der sie eng gedrängt lagen. Seit dem Tod ihres Kindes hatte Susanna nichts empfunden, keine Angst, keine Trauer, kaum Hunger oder Durst. Sie funktionierte mechanisch. Jetzt schrie sie mit, ohne Wissen und Wollen, und das Leben kam mit solcher Wucht in ihren Körper zurück, dass es sie regelrecht schüttelte; sie fühlte ihr Blut rauschen und erlebte, wie eine mörderische Wut sie überflutete.

Es war stockfinster in der Scheune; sie tastete nach ihrer Taschenlampe, nicht um Licht zu machen, oh nein. Sie zog Großmutter Sebals altes Küchenmesser aus dem Brotbeutel und begann, die stumpf gewordene Klinge an dem Metall der Lampe zu wetzen.

"Bist du verrückt?”, zischte Marlis neben ihr, die genau merkte, was Susanna vorhatte.

Susanna hörte es kaum. All ihre Nerven spürten das Näherkommen der Soldaten, und sie fühlte mit grausigem Entsetzen eine nie gekannte Lust in sich aufsteigen, Mordlust, atemlos, - den wilden Drang, gewaltsam in den Leib eines Mannes einzubrechen, dort, wo er weich und am verletzlichsten war, ihr spitzes, scharfes Messer in sein Fleisch zu stoßen.

Jetzt wurde geschossen. Kinder kreischten und das Geheul der Frauen schwoll an. Susanna lag reglos im Stroh, den Kopf auf ihrem Rucksack, die Zehen verkrampft und das Messer stoßbereit in der Hand. Ihren alten Fohlenmantel, den sie trotz der Hitze, mit dem Innenfutter nach außen, immer noch mit sich schleppte, hatte sie über sich gebreitet, so dass nur der rechte Arm frei blieb. Frau Kanitz weinte und betete, dann warf sich ein erhitzter Leib über Susanna und riss den Mantel weg. Sie fühlte den harten, kratzigen Stoff einer Uniform im Gesicht, der Kopf des Mannes musste irgendwo oberhalb sein, und sie fühlte eine Art erstaunter Dankbarkeit, dass sie mit einem Gesicht überhaupt nicht in Berührung kam. In der Finsternis war plötzlich alles ganz unpersönlich und weit weg, sie spürte nicht einmal mehr Hass. Auch brauchte sie nicht wütend zuzustoßen; der Mann ohne Gesicht fiel mit seinem entblößten Unterleib fast von selbst in das aufgerichtete Messer in ihrer Faust. Er schrie nicht, zuckte nur ein paar Mal und rührte sich nicht mehr. Als sein schwerer Körper nach der Seite abzurutschen drohte, hielt Susanna ihn mit aller Kraft umklammert; solange er auf ihr lag, würde er die anderen Männer von ihr fern halten.

Dann verlor sie das Bewusstsein.

Als sie zu sich kam, war es ruhig geworden. Das Schreien und Stöhnen hatte aufgehört, auch die Kinder waren still; nur das Rülpsen und Schnarchen der von Schnaps, Gewalt und Sex erschöpften Soldaten war zu vernehmen. Vorn am Ausgang dämmerte es schon, einige Frauen fingen an, herumzukriechen und ihre Habseligkeiten einzusammeln, andere taten es ihnen nach, und in kleinen Trupps verließen sie die Scheune. Die Frauen, die an der Rückwand gelegen hatten, gingen als letzte. Am Tor stand in einer kleinen Lichtpfütze eine Lampe. Susanna stieß sie mit der Fußspitze um; der gläserne Zylinder fiel ab und zersprang mit leisem Klirren, während der Messingfuß mit dem Petroleum und dem brennenden Docht über den Zementboden auf die in der Scheune gestapelten Strohballen zurollte.

Susanna blickte sich nicht um, als das Feuer in ihrem Rü-cken zu prasseln begann. Schweigend wanderte sie mit dem leeren Kinderwagen hinter den anderen in die Nacht hinaus.