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Ilse Henle
Lebensansichten eines alten APO-Katers
Roman
2. Kapitel
Maxi, wie wir ihn jetzt in gegenseitigem Einvernehmen und therapeutisch abgesegnet, nannten, war bereit, mit mir zweimal wöchentlich die Vorlesung von Professor Kluge zu besuchen, den ich nicht nur als Lehrer hoch einschätzte, sondern auch weil seine Auftritte von hohem Unterhaltungswert waren. Er hielt keine Vorlesung, er gab eine Vorstellung, und das wußte er.
Mit der Fliege am Hemdkragen, sorgsam gezogenem Seitenscheitel, gebügeltem Anzug und sauber geputzten Schuhen wirkte der nicht ganz mittelgroße Mann auf eine aufreizend korrekte Art rebellisch. Er hätte nicht im Traum daran gedacht, sich mit seinen Studenten zu duzen oder sich mit salopp jugendlicher Aufmachung bei ihnen anzubiedern. Trotzdem waren seine Vorlesungen über Aristoteles, Thomas von Aquin und Kant im Großen Hörsaal überfüllt, und bei ihm wurden weder Sit-Ins noch Teach-Ins veranstaltet.
Gerade das aber vermißte Maxi. Ich konnte ihn nicht mehr jedesmal mit dem Fahrrad in die Uni bringen, und da die Haltestelle direkt an unserem Haus in der Leopoldstraße war, fuhr er mit der Trambahn die paar Stationen. Meiner Kontrolle entronnen, lief er zu den Soziologen über, bei denen ständig etwas los war. Er konnte stundenlang im Audimax in der ersten Reihe sitzen, wenn die Genossen vom SDS ein Teach-In veranstalteten; er starrte und lauschte, seine Augen wurden immer runder, seine Ohren immer spitzer. Die Zusammenhänge interessierten ihn nicht, aber diese Wörter! Zum ersten Mal begriff er, daß man sich nicht nur mit Pelz oder Schwanz aufblasen konnte, sondern mit Sprache. Er war baff!
Bei einem dieser Happenings blieb ein Mädchen bei ihm stehen, das Flugblätter verteilte. "Willst du auch eins?
Er nahm das Papier entgegen und stand auf. "Ich heiße Max, sagte er höflich und sah sie von unten aus seinen Topasaugen an.
"Du bist nett, Max, sie erwiderte seinen Blick, "wie kommst du denn an die Uni?
"Mein Analytiker hat mir eine akademische Laufbahn nahegelegt; er fand, es klang eindrucksvoll.
"Ich bin Christine, stellte sich das Mädchen vor, "darf ich dich streicheln? Ihre Stimme hatte genau das richtige Timbre; sie hatte schon die Hand ausgestreckt, und er drückte seinen schwarzbepelzten Katerkopf dagegen. Seinen buschigen Schwanz stellte er steil auf wie in seiner Kindheit, wenn er seine Katzenmutter begrüßen wollte.
Christine war entzückt, vergaß ihre Flugblätter und streichelte ihn an genau den richtigen Stellen, unter dem Kinn und hinter den Ohren, bis ihm vor Wonne fast die Sinne schwanden und er trotz des Tumults ringsumher tief in die Erinnerung an seine früheste Kindheit zurücksank, als ihn seine Mutter im Schuppen der Kohlenhandlung immer wieder mit ihrer rauhen Zunge abgeleckt und zärtlich gepflegt hatte. Aus jener Zeit stammte auch noch das Schwanzaufstellen als Aufforderung, seine Analregion zu inspizieren, aber das wußte Christine nicht. Sanften, zärtlichen Frauen gegenüber wurde Max sein ganzes Leben lang nicht erwachsen, doch das wirkte bei ihm niemals albern.
In einer spontanen Aufwallung fragte das Mädchen: "Hast du noch etwas vor, Max, wenn das hier zu Ende ist?
Er spitzte interessiert die Ohren.
"Warum?
"Ich würde dich gerne in unsere Kommune einladen, wir haben heute abend in der Küche ein Sensitivity-Training.
Max genierte sich, weil er den Ausdruck noch nie gehört hatte, überwand sich aber. "Ein was?, fragte er.
"Gruppenarbeit, um sich selbst kennenzulernen.
Max hielt es zwar nicht für nötig, sich selbst kennenzulernen, aber eine Kommune, - das war schon was! Das würde sicher seinen bürgerlich liberal eingeengten Horizont erweitern. Zusätzlich beflügelte ihn die Fantasie, in der von Christine erwähnten Sensitivity-Trainings-Küche (klang irgendwie gut) auf ihrem Schoß zu sitzen. Unauffällig warf er einen Blick auf ihre Kleidung. Na, bestens! Sie trug einen langen schwarzen weiten Wollrock, so einen, wie ihn die Oma anhatte, die manchmal in der Leopoldstraße zu Besuch kam. Bloß, daß die keine Katzen mochte und ihn immer wegschob, wenn keiner hinsah. Seine Leute, Viktor und Isabella, trugen meistens Jeans, und wenn sie nicht aufpaßten, fiel er im Schlaf zwischen ihren Beinen durch auf den Boden. Er pennte dann zwar meistens auf dem Teppich weiter, aber das war doch nicht die Lebensqualität, auf die ein Kater wie er Anspruch hatte.
"Wer kommt denn noch? fragte er vorsichtig.
"Ich weiß nicht; aber Ulrike, Renate, Bernd und Bodo aus der Kommune sind bestimmt da; nur Otfried kommt erst morgen aus Göttingen zurück, er hat da drei Tage ein Selbstbehauptungstraining gemacht.
Max unterbrach sie, "hast du gesagt Bodo? Der Bodo vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund?
"Ja, der. Es klang mürrisch.
Max hatte eine hohe Meinung von Bodo. Überall, wo es an der Uni politisch und laut herging, schien er der Oberkater zu sein, umgeben von Unterkatern und begattungswilligen Katzen. Max roch dergleichen Zusammenhänge, die von den stumpfen Sinnen der Menschen nicht mit derselben Deutlichkeit wahrgenommen wurden. Begeistert von der Aussicht, den wortgewaltigen Revolutionär persönlich kennenzulernen, trippelte er hinter Christine her, die draußen auf der Ludwigstraße ihr Moped stehen hatte. Sie warf ihre Kollegmappe und die restlichen Flugblätter in den Korb hinter dem Sattel, Max setzte sich obendrauf, zuckte zusammen, aber nur ein bißchen, als der Motor losknatterte und gab sich dann dem ungewohnten Geschwindigkeitsrausch hin. An Zuhause dachte er überhaupt nicht mehr.
Rechts neben einem hohen gelb gestrichenen und mit weißem Stuck verzierten Mietshaus, dessen großen Fenster in der Nachmittagssonne glänzten, hielt Christine an, schob ihr Moped samt Beifahrer an dem gußeisernen Zaun entlang, der das Grundstück von dem benachbarten trennte, in den gepflasterten Hof und schloß das Hinterrad mit einer Kette am Geländer der Waschküche an.
"Komm, Max, wir sind da, rief sie; der Kater sprang mit einem eleganten Satz von seinem Soziussitz, stellte erwartungsvoll den Schwanz auf, Christine nahm die Mappe und die Flugblätter unter den Arm, und so erstiegen sie, Max seiner Führerin dicht auf den Fersen, die steinerne Treppe, an deren Stufen runde Messinghalter darauf schließen ließen, daß es hier früher sogar einen Läufer gegeben hatte, wenigstens bis zur ersten Etage. Durch die Prismenscheiben des ovalen Oberlichts funkelten bunte Sonnenstrahlen herein.
Die Kommune residierte im zweiten Stockwerk. Christine nahm Max auf den Arm und trug ihn in ihr Zimmer, das rechts am Ende der Diele lag. Den angeworbenen Genossen wollte sie als Überraschungsgast präsentieren. Sie setzte ihren neuen Freund auf dem rupfenbezogenen Kissen in einem hellrot lackierten Korbsessel ab, legte ihm marxistische Lektüre hin, entschuldigte sich, sie müsse für eine Weile ins Bad, bevor die Mitbewohner heimkehrten, und schloß hinter sich die Tür.
Nicht schlecht hier, fand Max, obwohl ihm im Augenblick ein kleiner Happen fast noch lieber gewesen wäre, als das dargebotene Agitationsmaterial. Er sah sich in dem rechteckigen Raum um. Außer seinem erdbeerfarbenen Korbstuhl gab es noch zwei gleichartige. Einer davon stand vor einem großen, primitiven Arbeitstisch, auf dem eine grüne Filzdecke lag und auf dessen rechter Seite sich ein Stapel beschriebener Papierbogen türmte. Ob das Christines Diplomarbeit war?
Beim Anblick der mit einer Haube abgedeckten Schreibmaschine erinnerte er sich flüchtig an die Leopoldstraße, aber wirklich sehr flüchtig. Erst jetzt gewahrte er das große, dunkelrote Mahagonibett, ein außerordentlich mächtiges Möbel, das die ganze hintere Hälfte des Zimmers einnahm. Er merkte, wie müde er war, glitt vom Sessel, lief die paar Schritte hinüber, schaffte gerade noch den Katzensprung auf die nach Christine duftende Steppdecke und schlief sofort ein. Er träumte, er stünde am Katheder des Auditorium Maximum, hielte eine flammende Ansprache, nach der ihm lauter niedliche Katzen zujubelten, und als er danach die Stufen herabstieg, wußte er vor lauter Großartigkeit nicht, wie er die Füße setzen sollte.
Er erwachte von einer leisen Berührung seiner Schnurrhaare. Christine saß neben ihm auf dem Bett und betrachtete ihn liebevoll. Die Tür zur Diele stand nun weit offen und Max hörte Stimmen und Schritte.
"Stell dir vor, ich habe geträumt, ich sei Bodo, teilte er Christine mit und sah sie erwartungsvoll an. Da hatte sie gar nicht mehr diesen freundlichen Blick und sagte nur kurz: "Das laß mal lieber bleiben.
Max lenkte ab und schnurrte: "Ein herrschaftliches Bett, das du da hast!
Christine strich über das dunkelglänzende Holz. "Das hat mir meine Großmutter geschenkt, sagte sie, "mein Vater wurde in dem Bett geboren.
"Schläfst du ganz allein darin? erkundigte sich Max hoffnungsvoll.
"Wenn ich will, schon; mein Bett gehört mir! gab Christine fast drohend zurück, "und nun komm, es gibt bald Abendbrot!
Max erhob sich, gähnte, bis ihm die Kiefer knackten, wusch sich mit der Zunge den Schlaf aus den Augen, strich die weißen Schnurrhaare glatt und ordnete sein Fell.
"Ihr habt hier nicht zufällig ein Katzenklo oder ein Potschamberl? Zur Not könnte ich auch ins Waschbecken...
"Untersteh dich! rief Christine entsetzt.
"Dann muß ich noch mal runter in den Vorgarten, Max trippelte mit allen Vieren auf der Stelle, sauste dann durch die Diele und die offene Wohnungstür ins Treppenhaus, Christine hinter ihm her.
Unten verzog er sich hinter einen sperrigen Tamariskenstrauch, kratzte ein Loch in den schütteren Rasen, verrichtete umsichtig sein Geschäft und scharrte alles wieder ordentlich zu. Christine, die solange taktvoll nach der anderen Seite geblickt hatte, hielt ihm die Haustür auf, und gemeinsam kehrten sie in den zweiten Stock zurück. Max hatte Herzklopfen; er war nun doch ziemlich aufgeregt, außerdem war es ihm peinlich, daß er vorhin in der schummerigen Diele mit einigen Kommunardenbeinen kollidiert war. Die Sorge war überflüssig, denn der Aufprall war so weich gewesen, daß niemand ihn bemerkt hatte; nur hinter Christine hatte jemand hergerufen: "Hey, wo willst du hin, wir essen gleich!, was sich zunächst als leere Versprechung herausstellte.
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