Evelin Senarclens de Grancy
Feuer unter den Füßen
Die Geschichte einer Vaterlandsverräterin
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Und nun wollte Norbert, dass wir von Halle nach Berlin ziehen und unser Studium an der Humboldt-Universität fortsetzen. Ich meldete meine Zweifel bei Norbert an, doch er meinte nur, sein Stiefvater würde das gewiss richten.
Auf diesen Stiefvater, der so viel Macht haben sollte, war ich gespannt. Die Familie wohnte in Berlin-Karlshorst. Einige Tage vor der Hochzeit sollte ich ihn, seine Mutter, die Schwester und den Schwager kennen lernen. Wir hatten uns zum Kaffeetrinken angemeldet. Wir waren überpünktlich. Es war keine drei Uhr, da stand unser Auto vor deren Haustür. Aufgeregt, mit einem großen Rosenstrauß in der Hand, den ich Wochen vorher in einem Blumengeschäft in Halle bestellt hatte, trippelte ich vor dem Eingang von einem Fuß auf den anderen. Kurz nach dem Klingeln summte der Türöffner. Norbert hielt die Tür auf und nickte mir zu.
Ich war bereits auf der ersten Stufe, da rief er: »Der Pralinenkasten, Kristina, ich habe ihn im Auto vergessen! Geh inzwischen vor! Stell die Tür bitte fest! Zwei Treppen! Erste Tür links! Ich komme gleich!«
Schon war er verschwunden. Tür feststellen. Und dann zwei Treppen. Nach einem Treppenabsatz blieb ich stehen. Vorsichtig wickelte ich den dicken Strauß aus dem nassen Papier, stopfte das Papier in meine Jackentasche und hielt die Blütenpracht von roten und roséfarbenen, langstieligen Rosen behutsam, wie man einen Säugling an den Busen drückt, mit beiden Händen fest. Insgesamt zwei Treppen. Ich ließ mir Zeit. Als ich im ersten Stock angelangt war, hörte ich Norbert. Er musste gerast sein. Langsam stieg ich weiter.
Noch eine Treppe. Ein Geräusch über mir. Das Scharren von Füßen drang an mein Ohr. Ein Blick nach oben. Über meinen Rosen tauchten zwei blitzblank geputzte schwarze Schnürschuhe auf, dann eine dunkelgraue Hose, ein grauer Pullover, und dann Augen, gletschergraue Augen. Ich stoppte mitten im Schritt, meine Nase verschwand in den Rosen. Augen zu. Augen auf. Rote, roséfarbene Blütenköpfe und darüber die Gletscheraugen.
Es blieben diese gletschergrauen Augen. Und kurze graue Locken. Ich irrte mich nicht. Der Fremde aus dem Pressecafé!
Seine Augen schickten mir ein Lächeln. Sonst nichts. Kein Zeichen des Wiedererkennens. Kein Zucken in den Augen. Es fehlte ihnen jede Tiefe, sie waren ganz Oberfläche, wie Glasaugen. Sie bewegten sich nicht, nur die Lider blinzelten.
Warum tat er so, als hätte er mich nie im Leben gesehen?
In die Stille tönte Norberts Stimme: »Na, ihr beiden, sprachlos? Ja, Vater, da staunst du, das ist meine Kristina.«
Zu mir gewandt sagte Norbert: »Und das ist mein alter Herr, hat sich gut gehalten, was?«
Und nun hörte ich das erste Mal die Stimme des Unbekannten.
»Ich freue mich, dass ich dich kennen lerne. Norbert hat uns schon viel von dir vorgeschwärmt. Ich habe mir dich ganz anders vorgestellt, doch in natura gefällst du mir noch besser. Bitte nenne mich nicht >mein alter Herr<! Mein vollständiger Name ist Kurt Erich Jürgens, aber Kurt mit >K< am Anfang und nicht verwandt mit dem Schauspieler. Sag Kurt zu mir!«
Ich brachte kein Wort heraus, dafür redete Norbert umso lauter.