Gisela Garnschröder

Der schwarze Biker

Tann hatte seinen Abteilungsstab zusammengerufen und steckte auf einer Landkarte die möglichen Fluchtwege des Bikers ab.

»Der Typ kennt sich gut in der Gegend aus. Er wählt jedes Mal Fluchtwege, die ihm eine hervorragende Deckung bieten. Die Hubschrauberstaffel hat zwei Stunden lang die Gegend abgesucht. Er war wie vom Erdboden verschluckt.«

Alfons Weiss stand neben Tann vor der Karte und orientierte sich über die verschiedenen Möglichkeiten, unbehelligt zu verschwinden.

»Nicht nur das!«, mutmaßte Josef Tann. »Er weiß sogar, wann die Banken über höhere Beträge verfügen. Es könnte sich um einen Insider handeln.«

»Durchaus möglich«, sinnierte Weiss, »immer wenn die Geldtransporter gerade abgefahren sind, ist er da.«

»Die Routen der Geldtransporter sind geheim und wechseln ständig. Ich gehe davon aus, dass der Typ die Gegend beobachtet. Wenn der Geldwagen weg ist, macht er seinen Überfall.« Norbert Pasurs Einwurf fand Anklang, nur Alfons Weiss strich sich nachdenklich über seinen Bart.

»Es könnten auch mehrere Täter sein, die sich mit Handys untereinander verständigen und sich bei den Überfällen abwechseln«, folgerte Weiss.

»Eine interessante Idee«, bestätigte Norbert Pasur, »aber fast unwahrscheinlich.«

»Wieso? Der Vorteil für die Bankräuber liegt auf der Hand«, ließ sich Weiss nicht so schnell von seiner Vermutung abbringen.

»Outfit und Maschine des Mannes könnten sie untereinander austauschen. Das Geld wird stets von jemand anderem auf ein Konto eingezahlt und dann geteilt.«

»Dann hat er sich klonen lassen!«, warf Tann ein. »Die Aussagen aller Beteiligten und die Bilder der Überwachungskameras zeigen eindeutig denselben Mann. Mittelgroß, leichter Bauchansatz, immer die gleiche Bekleidung, und die Stimme wurde ebenfalls von allen Zeugen gleich beschrieben. Wenn er Helfer hat, dann nur im Hintergrund.«

»Wenn er wirklich alles allein macht, kommt er irgendwann an seine Grenzen«, unterbrach ihn Weiss.

Vera Senft schüttelte missmutig den Kopf und meinte etwas unwirsch: »Wenn er Helfershelfer hat, kann es noch schwerer werden, ihn überhaupt zu fassen.«

Tann sah seine Kollegen genervt an. »Nach Aussagen der französischen Behörden hat es auf das Nummernkonto keine weiteren Einzahlungen mehr gegeben. Hätte er Helfer, wäre dem nicht so.«

»Wenn wir so weitermachen, verzetteln wir uns. Ich denke, wir sollten uns lieber Gedanken machen, von wo aus er agiert. Über Helfershelfer können wir uns später Gedanken machen«, mahnte Tann.

Vera Senft runzelte nachdenklich die Stirn und fügte hinzu: »Vielleicht versteckt er sich sogar ganz in der Nähe und niemand beachtet ihn.«

»Nun, er könnte in einem Auto Posten beziehen, dann ganz in Ruhe heimfahren und als schwarzer Biker zurückkommen«, meinte Tann gedehnt. »Bisher hat ihn nur niemand losfahren sehen.«

»Weil es viele schwarz gekleidete Kradfahrer gibt«, gab Weiss zu bedenken. »Was wieder einmal bestätigt, dass es durchaus mehrere Personen sein können.«

»Quatsch! Weil es so viele Motorradfahrer gibt, deshalb wird er einfach übersehen!«, trumpfte Vera Senft auf.

»Oder er hat ein sicheres Versteck, auf das man nicht so schnell kommt«, vermittelte Tann seinen Leuten.

Er hatte seinen Platz neben Alfons Weiss eingenommen und malte bei seinen Worten einen eckigen Kasten auf ein leeres Blatt.

»Wenn er von einem Versteck aus agiert, müsste ihn längst jemand gesehen haben«, gab Norbert Pasur zurück.

»Es sei denn, das Versteck ist fahrbar!«

Tanns Einwurf wurde von Vera Senft mit einem spöttischen Lächeln quittiert. »Um ein Motorrad zu transportieren, bedarf es zumindest eines Hängers. Das würde garantiert sofort auffallen.«

»Es könnte durchaus ein Kleinlaster sein, der für irgendwelche Waren benötigt wird«, spann Tann seinen Gedankengang weiter.

»Und wer hievt die Maschine rauf und runter? Leute, das ist alles Quatsch!«, ereiferte sich Vera Senft.

Tann belehrte sie: »Ein Pferdetransporter hat zum Beispiel eine Klappe, auf der man bequem hinauffahren kann.«

Weiss strich sich durch sein Haar. Ein Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit.

»Du mit deinen ulkigen Ideen. Das sieht doch auch jeder.«

»Das würde ich nicht sagen«, entgegnete Tann. »Außerdem hat beim Überfall auf die Gütersloher Sparkasse eine Spaziergängerin ausgesagt, auf dem Parkplatz der Weberei habe zu der Zeit ein Pferdetransportanhänger einige Tage gestanden.«

»Hast du den Besitzer ermittelt?«, erkundigte sich Pasur.

Tann verneinte. »Die Aussage kam zu spät, da war der Hänger schon weg.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand ein so unhandliches Gefährt für einen Überfall benutzt!«, trumpfte Alfons Weiss auf und fuhr fort: »Deine Idee ist einfach von der Handhabung her schlecht. Normalerweise sind Besitzer von Pferdetransportern so gut betucht, dass sie Überfälle nicht nötig haben.«

Zustimmendes Grinsen auf allen Seiten, nur nicht bei Tann, der sich gereizt der Karte zuwandte, um sich so einen weiteren Kommentar zu ersparen. Er schluckte seinen Ärger hinunter und schlussfolgerte: »Wie ihr meint! Also müssen wir abwarten, bis der Zufall uns neue Erkenntnisse bringt oder die Bankangestellte den Mann identifiziert.«

»Wenn sie durchkommt!«, warf Vera Senft ein und Norbert Pasur ergänzte: »Was absolut wünschenswert wäre.«

Tann nickte. »Nicht nur für sie!«

In dem Moment läutete das Telefon und Tann erhielt die Meldung, dass bei einer Verkehrskontrolle an der A2 vier verdächtige Personen festgenommen worden waren, weil sie bei einem Blitzeinbruch entwendete Gegenstände in Besitz hatten.

»Na, das ist wenigstens etwas«, freute sich Weiss, als Tann die Meldung weitergab.

»Wir beide werden uns die Typen gleich ansehen. Vera und Norbert, ihr befasst euch mit dem Biker. Wir brauchen Informationen zu den Geldtransporten, Fahrer, Routen, eingeweihte Personen«, kommandierte Tann.

Vera Senft machte sich Notizen und Norbert Pasur war schon aus der Tür, als Tann und Weiss sich auf den Weg zur Vernehmung machten.