Weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz
Mord im Münsterland
Der Kommissar stapfte erregt durchs Gehölz. Die Fundstelle der Leiche lag tief im Wald. Inmitten von einem großen Holzstapel in einer Mulde lag sie auf einem Bett von Heu. Ihr Haar umrahmte das Gesicht und ihre Hände waren züchtig über der Brust gefaltet. Bis zur Taille war sie mit einer Wolldecke zugedeckt. Eine rote Rose lag auf ihrer Brust und es sah aus, als halte sie die Blume in ihren gefalteten Händen. Nachdem die Fotos gemacht waren, wurde die Tote vom Gerichtsmediziner untersucht.
"Sie liegt schon seit einigen Tagen hier. Ich schätze, sie wurde gleich am Tag ihres Verschwindens getötet."
Der Mediziner schaute den Kommissar an und zeigte auf starke Würgemale am Hals.
"Wahrscheinlich wurde sie erwürgt, wie es aussieht mit bloßen Händen. Alles Weitere muss die Obduktion ergeben."
"Wie kommt sie hierher? Wir haben an anderer Stelle Schleifspuren und einige ihr gehörige Gegenstände gefunden, aber das ist fast zwei Kilometer entfernt!"
Der Polizist war ratlos. Der Mediziner schaute sich prüfend um.
"Er wird sie hier im Wald getragen haben, vorher wurde sie sicherlich mit einem Auto bis zum Waldrand transportiert."
Die Männer gingen nach der Untersuchung davon und diskutierten über die verschiedenen Möglichkeiten, wie sich der ganze Vorgang abgespielt haben könnte. Eines war sicher, der Fall würde sie einige Zeit beschäftigen.
In seinem Büro angekommen, nahm Kommissar Waldmann noch einmal den Bericht zur Hand und ging aufmerksam alle Fakten durch. Dann warf er verärgert das Papier auf den Tisch und brüllte: "Scheiße! Verdammte Scheiße!"
Sein Kollege Friedhelm Meier stürzte ins Büro.
"Was brüllst du hier so rum, ist was passiert?"
"Ja, verdammt!", schnaubte Waldmann, "Er ist uns entwischt! Wir hatten den Falschen im Visier."
Meier stutzte. "Den Falschen, wieso?"
"Weil der Anwalt nicht der Mörder sein kann", fauchte Waldmann und hielt seinem Kollegen ein Blatt Papier unter die Nase.
"Das ist der Kurzbericht des Arztes. Das Mädchen lag mitten im Wald, Todeszeitpunkt etwa elf bis zwölf Uhr. Um elf war Meier zu Homburg schon in der Bar. Er hätte nicht einmal Zeit gehabt, die Leiche wegzubringen. Es ist eindeutig klar, dass die Frau auf dem Feldweg kurz vor ihrem Elternhaus ihrem Mörder begegnete. Die Spuren dort weisen auf einen Kampf hin. Dann muss der Mann sie in den Wald geschleift haben und erst später hat er sie an den Fundort gebracht."
Meier atmete hörbar aus und meinte lakonisch: "Na dann, Prost Mahlzeit! Die Presse wird uns lynchen."
Kommissar Waldmann entgegnete erregt: "Die Presse? Was interessiert mich die Presse? Meier zu Homberg ist Anwalt. Seine Hochzeit ist geplatzt und was viel schlimmer ist, seine Frau hat eine Fehlgeburt erlitten. Weißt du was das heißt?"
Meier zuckte die Schultern.
"Er wird prozessieren, was sonst?"
Jetzt hieb Waldmann auf den Tisch, dass es nur so krachte.
"Ich werde mächtig Ärger kriegen, darauf kannst du Gift nehmen."
Meier grinste schief.
"Wird schon gut gehen, Chef."
Waldmann ging ohne Kommentar an seinen Schreibtisch, holte den Haftbefehl hervor und zerriss ihn in kleine Fetzen. Meier wollte den Kollegen etwas aufmuntern und meinte: "Warum hat dieser Advokat denn nicht den Mund aufgemacht. Irgendwie müssen die Sachen in den Wald gekommen sein. Der Lederknopf war doch von seiner Jacke, oder etwa nicht?"
Waldmann hatte sich etwas beruhigt.
"Vielleicht hatte er ein Verhältnis mit der kleinen Pauls und wollte es vor seiner Braut verheimlichen. Was weiß ich? Aber der Mörder war er nicht, das ist jetzt so gut wie sicher!"
Waldmann nahm seine Weste und verließ, ohne ein weiteres Wort, sein Büro. Meier folgte ihm nachdenklich.