Gisela Garnschröder
Teuer erkauft
VII
Alexej stand in Reitbekleidung am Fenster seines Wohnraumes. Er hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt. Jetzt nahm er die Gerte, die er vor sich auf einen Hocker gelegt hatte, und schlug sich leicht mit dem Stiel mehrfach in die linke Hand. Seine Stirn zeigte bedenkliche Zornesfalten. Die Nasenflügel bebten. Momentan lief alles schief. Erst dieser unverschämte Bilderhändler, der versucht hatte, ihn zu erpressen, und nun die Geschichte mit dieser Russin. Und seine Leute, Idioten alle miteinander, brachten sie hierher, ausgerechnet hierher! Er ging mit ausladenden Schritten auf und ab. Seine Reitstiefel klackten laut auf dem hellen Marmor.
Das Wohnzimmer glich eher einer Halle, so riesig war es. Schwere Schränke aus edlen Hölzern und teure, wuchtige Sessel, bezogen mit dunkelbraunem, samtartig weichem Büffelleder, bildeten die Einrichtung. Die Wände waren schlicht weiß gehalten, und hier gaben erlesene Bilder bekannter Künstler den letzten Schliff.
Alexej konnte sich im Moment nicht an diesen Dingen erfreuen. Er befürchtete Schwierigkeiten. Natürlich hatte er den Auftrag gegeben, die Russin zu beschatten. Schließlich musste er ganz sicher gehen, dass sie nicht von dem alten Schachbasjan informiert worden war. Aber die beiden Trottel sollten sie nur beobachten und ihm Bericht erstatten, mehr nicht! Hier wollte er sie unter keinen Umständen haben. Wenn sich herausstellte, dass sie harmlos war, könnte er sie gegebenenfalls an eines seiner Bordelle verkaufen. Ärgerlich warf Alexej die Reitpeitsche auf den Couchtisch und läutete nach der Wirtschafterin. Eilfertig kam eine stämmige, rotbackige Frau mittleren Alters mit einem freundlichen Lächeln zu ihm ins Zimmer.
"Ja, bitte?", fragte sie und entblößte ihre etwas vorstehenden Zähne.
"Holen Sie mir die Herren bitte herein, Louisa!", ordnete er an und trotz seines Zorns stellte er fest, dass der Name Louisa so gar nicht zu seiner Hilfe passen wollte.
Die Männer, die erst vor einer halben Stunde angekommen waren, traten ein. Vorsichtig blickten sie auf ihre Schuhe hinunter, ob sie sauber genug waren für den hellen Marmorboden.
"Kommt ruhig näher, die Decke fällt euch nicht auf den Kopf!" Lächelnd kam der Chef auf sie zu. Erleichtert atmeten Oleg und Boris auf und kamen der Aufforderung nach. Kaum hatten sie die Hälfte des Zimmers durchquert, brüllte Alexej sie an:
"Wer von euch beiden Missgeburten hatte die hirnrissige Idee, mir dieses Flittchen ins Haus zu schaffen?"
Die Worte klangen wie Peitschenhiebe und die Angeschuldigten zuckten zusammen. Es war Boris, der endlich den Mut fand und stammelte:
"Die Kleine war krank, Chef."
"Und!? Habe ich hier ein Krankenhaus?" Alexej knallte zur Bekräftigung seiner Frage die Faust auf den Tisch. "Habt ihr sie wenigstens durchsucht? Hat sie irgendwelche Schriftstücke dabei?"
Die Angesprochen sahen sich schulterzuckend an. "Also wir haben nichts gesehen."
"Einen Pass hat sie auch nicht?", schnaubte Alexej.
"Verdammt, der Pass, der ist in ihrem Rucksack", räumte Oleg ein.
"Also wurde sie nicht durchsucht! Wo ist sie jetzt? Hat euch jemand gesehen?" Es fiel Alexej ungeheuer schwer, halbwegs normal zu sprechen. Am liebsten hätte er die zwei zur Hölle geschickt, aber er brauchte sie noch.
"Wir haben sie ins Jagdhaus gebracht. Ihre Sachen liegen im Wagen. Keine Sorge, Boss, der Pass wird in ihrem Rucksack sein, den haben wir im Kofferraum eingeschlossen!", erklärte Boris.
"Ins Jagdhaus? Und wenn jemand sie dort entdeckt?! Volltrottel seid ihr. Alle beide!"
Die Angesprochenen standen mit gesenkten Köpfen im Raum und wagten keinen Einwand gegen die vorgebrachten Beschuldigungen. Aufgeregt und voller Rage wanderte Alexej durchs Zimmer. Plötzlich hielt er inne, sein Gesicht war blass, und seine Stimme wurde gefährlich ruhig:
"Macht euch sofort auf, durchsucht die Sachen. Ich will augenblicklich alles vorliegen haben, was irgendwie nach Schriftstücken aussieht. Schickt mir die Sachen per Post zu. Und schafft mir diese Person ein für alle Mal vom Halse. Ist das klar?" Seine Stimme duldete keinen Widerspruch.
"Aber, Chef..." Boris hatte etwas sagen wollen, aber eine ärgerliche Handbewegung seines Dienstherrn ließ ihn augenblicklich verstummen. Im vorsichtigen Rückwärtsgang, als befürchteten sie ein Messer in den Rücken gerammt zu bekommen, bewegten sich die Männer nach draußen. Ungerührt sah Alexej ihnen nach. Ein weiteres Problem, das gelöst werden musste, dachte er, als er ihnen nachschaute.