Horizonterweiterung

Mit dem »Ei des Damokles« auf dem Weg zur Weltweisheit

Exakt 165 Kurzromane, 11 Schwarzmalereien, 51 Lebensweisheiten annonciert das Titelblatt, und das ist zweifellos hinterhältig untertrieben. Denn wer sich erst einmal in die gemeine Philosophie des gelernten Misanthropen Hauenstein vertieft, die Gerhard Fischer unter dem Titel »Das Ei des Damokles« für das bislang ahnungslose Publikum aufgespürt und aufbereitet hat, wer die ersten zwei, drei literarischen Begegnungen mit diesem Großmeister der Menschenkenntnis vor dem inneren Bildschirm vorbeiziehen läßt, der ahnt, welches Oevre ihm hier offeriert wird: Jedes Wort in Lettern gesetzte Weltweisheit, jede in drei Zeilen gefaßte Szene ein erschütterndes, menschliches Drama in fünf Akten.

Und eines wird dem Leser in seiner ganzen niederschmetternden Unausweichlichkeit klar: Sein bisheriges Leben ohne Hauenstein war möglich, aber sinnlos. Denn auch für jeden altruistischen Menschenfreund kommt - spätestens bei einem Besuch einer kulturellen Großveranstaltung, einer handelsüblichen Casting-Show oder einer Aktionärsversammlung - der unausweichliche Moment, in dem sich die Erkenntnis Bahn bricht: Die Welt will in ihrem Elend begriffen werden. Und wer könnte dies besser vermitteln als ein Mann vom Schlage Hauensteins, dieser unbestechliche Kämpfer gegen das enervierende, wildwuchernde Gutmenschentum.

Man kann zweifellos aus eigener Erfahrung depressiv werden. Aber wer ein echter Menschenfeind ist, der läßt sich durch Hauenstein dabei helfen.

Also, auf in die Buchhandlung, schnurgerade an den Regalen mit der versammelten Ratgeber-Literatur vorbei, den Blick fest auf den Stapel mit dem kleinen, wohlformatierten Brevier gerichtet und aus Sicherheitsgründen gleich einmal ein halbes Dutzend erstehen!

Schmale 9,80 Euro: Das müßte Ihnen Ihr Lebensglück doch nun wirklich wert sein!

Anja Knocke, Lesart 1/07