Gerhard Fischer

Das Ei des Damokles

...und andere Schicksalsschläge

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Hauenstein hatte eine sehr lockere Zunge und genoß es, sie in Übung zu halten.

«Was», sagte er zu seiner Frau, «habe ich denn davon, daß du mir verzeihst, wenn ich versprechen soll, es nie wieder zu tun?»

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«Stellen Sie sich vor», sagte Westenhoff, «mein Nachbar, der Dachdecker, ist von einem Auto überfahren worden.»

«Unglaublich!» meinte Hauenstein. «Nicht einmal mehr auf dem Dach ist man sich sicher!»

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Auf seine Liebe zum Theater angesprochen, äußerte Hauenstein harsche Kritik:

«Ich vermisse Stücke», sagte er, «über die man sich ärgern muß.»

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Hauenstein, in gegenseitiger Geringschätzung seit über zwanzig Jahren seiner Gattin ehelich verbunden und in stummer Unversöhnlichkeit nebeneinander herlebend, wurde gefragt, was er von den Frauen halte.

«Nicht allzuviel», antwortete er und schob seinen mächtigen Körper in seinem Sessel zurecht. «Allerdings», fügte er hinzu, «sollte man anerkennen, daß sie immer noch das Beste sind, was es in dieser Art gibt.»

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Hauenstein stand auf dem Bahnsteig.

«So», sagte Westenhoff, «Sie warten also auch auf den Zug nach München? Dann fahren wir ja zusammen.»

«Ich bin schon zusammengefahren», sagte Hauenstein, «als ich Sie kommen sah.»

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Sehr angeheitert kam Hauenstein nach Hause, fiel aufs Bett wie ein gestrandeter Wal und ließ sich vom Wein auf eine sanft wogende See hinaustragen.

«Das Leben», sagte er, «das Leben ist hart, meine Liebe. Einer meiner Tresenfreunde hat sich aus dem irdischen Jammertal verabschiedet, und da konnten wir nicht anders, als gehörig auf sein Seelenheil zu trinken. Anschließend, nun ja, mußte ich meinen Mann stehen. Wir haben», erklärte er, «ein kleines Wetttrinken veranstaltet.»

«Und wer», fragte seine Frau, «ist zweiter geworden?»

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Man fragte ihn, ob es denn noch Gemeinsamkeiten gäbe, die ihn nach so langen Ehejahren mit seiner Frau verbinden.

«Gewiß», antwortete Hauenstein. «Wir haben am selben Tag geheiratet.»

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«Das Ei des Damokles hat viele Gesichter», sagte Hauenstein. «Man braucht nur an Jason und seine Astronauten zu denken, an das berühmte Furunkel von Delphi oder an Odysseus und die Erinnyen – eine bewegte und bewegende Zeit! Man muß sie einfach bewundern, diese Antike.»

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Auch Kopfarbeit muß Hand und Fuß haben

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Oft wird das Weite gesucht.

Wann, endlich, wird es gefunden?

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Schon manches dunkle Gerücht hat helle Aufregung ausgelöst.



Die eigenwilligen Einsichten
des
Herrn Hauenstein

Was immer von Hauenstein behauptet wird: nichts davon stimmt auch nur annähernd. Selbst das Gegenteil dessen, was man über ihn in die Welt gesetzt hat, ist falsch. Das gilt sowohl für die, die seine Ansichten achten und ehren, wie für all die andern, die in ihnen nichts als den Ausdruck eines freudlosen und trübsinnigen Griesgrams zu erkennen glauben.

Gewiß: Hauensteins Verlautbarungen sind keine Hirtenbriefe, die aufhorchen lassen und an denen man sich aufrichten kann. Es bestehen vielmehr berechtigte Zweifel, ob sie geeignet sind, dem Dasein gesetzestreuer und gottesfürchtiger Zeitgenossen einen erbaulichen Inhalt zu vermitteln. Weit eher das Gegenteil dürfte der Fall sein. Denn Hauenstein weiß, daß seine Äußerungen nicht selten dazu angetan sind, sehr deutlich verstanden oder sehr gründlich mißverstanden zu werden. Und daß es viele seiner Zuhörer juckt, dem Beispiel zu folgen, mit dem sie ihrem Unmut über Politiker Ausdruck geben, indem sie sie ganz einfach mit Eiern bewerfen. Hartschädelig, wie er nun einmal ist, besteht er auf seiner Überzeugung, daß der, der sich einmal eine Meinung gebildet hat, sich durch Tatsachen nicht beirren lassen sollte. Im übrigen weist er darauf hin, daß er in den meisten Fällen mehrerer Meinung ist.

Dennoch ist seine illusionslose Beurteilung der Welt und des Lebens durchaus dazu angetan, den einen oder anderen Zeitgenossen zur Nachdenklichkeit zu verführen.

Hauenstein gibt sich unzeitgemäß und zeitlos zugleich, ohne Grundsätze, aber mit einem besonderen Talent für Widersprüche und einem überraschenden Vorrat an Vorurteilen. Für den guten Bürger hegt er eine ebenso grimmige Verachtung wie für den pontifikalen Anspruch von Anstand und Sitte. Er bevorzugt vielmehr die gebremste Normalität des Vernünftigen. Was er unternimmt, muß erst einmal die Hürde der Überwindung bewältigen und ist gekennzeichnet von einer erhabenen Mißbilligung, mit der er alles abtut, was landläufig anerkannt und gang und gäbe ist. Das einzige Gesetz, das er vorbehaltlos akzeptiert, ist das Gesetz der Schwere, wenn er sich, gesättigt und mit einer guten Flasche Wein in greifbarer Nähe, in seinen Sessel niederläßt: ein Bonvivant im scheinbaren Frieden mit sich und der Welt, zuweilen aber in den Schoß des Teufels gebettet und ausgezeichnet mit jenem Geist, den die Jünger Satans den Geschöpfen des Herrn sehr voraushaben - tief verwurzelt in seinem Glauben an die Schmählichkeit der menschlichen Natur und mit der grimmigen, aber auch versöhnlichen Genugtuung, dies alles durchschaut zu haben.

Obwohl er sich nur widerwillig in den Umgang mit anderen herabläßt, ist er ein irritierender Gesellschafter, allerdings weit davon entfernt, Mittelpunkt spielen zu wollen - eher ein Plauderer, der, seine Umgebung beobachtend, mit der Gewitztheit eines Hofnarren seine Bosheiten von sich gibt, verletzend und verletzlich zugleich, ohne einen Wächter für Hintertüren bemühen zu müssen. Er hütet seine Zu-rückgezogenheit, nie aber seine Zunge, hat eine außerordentlich hohe Meinung von sich selbst und ist der größte Bewunderer seines Geistes, obwohl es sehr im unklaren bleibt, ob die Mitwelt von seiner Großartigkeit ebenso durchdrungen ist wie er selbst.

Hauenstein ist ein stiller Mann, der weiß, wie sehr der Zwang der Höflichkeit dem Willen nach Ehrlichkeit Grenzen setzt. Eine würdevolle Erscheinung von sympathischer Beleibtheit, der man einen herzhaften Appetit zutraut und der auf den ersten Blick erkennt, was ein guter Wein ist.

Hauenstein bewegt sich nicht. Er verlagert sein Gewicht. Jede körperliche Anstrengung meidend, beobachtet er seine Mitwelt und nicht zuletzt auch sein eigenes Tun. Ganz besonders gelten diese Blicke den Frauen, die nach seiner Überzeugung nur geschaffen wurden, um dem Mann die Freude am Dasein zu verderben. Für ihn ist die Frau die unermüdlich Zeternde, die Nörgelnde und Scheltende, die alle Unternehmungen hemmt und in ihrem Anspruch auf Macht und Herrschaft dem Mann das Weinglas wegnimmt. Trotz dieser Vorbehalte gibt er sich charmant. Im allgemeinen aber legt er Frauen gegenüber jene gönnerhafte Haltung an den Tag, die, schon im eigenen Interesse, gewähren läßt.

Hauenstein liebt das gesellschaftliche Schweigen, und es scheint unmöglich, daß er von anderen auch nur das geringste erwartet, was ihn interessieren könnte. Fühlt er sich allerdings aufgerufen, seine Meinung zu äußern, ist er von einer nicht umzubringenden Mundfertigkeit. Ihr sind schließlich auch jene Ansichten und Einsichten zu danken, die hier zusammengetragen wurden: hintergründige Intermezzi, Geschichten des Augenblicks – Kurzromane, wie sie das Leben diktiert.