William Dyk

Der Ausländer
Ein aktuelles Thema unserer Zeit

Mama Cherifa nannte ihn Abdullah. Sie hatte das schreiende Kind an der Wasserstelle der Oase gefunden. Eine Mutter hatte ihr Kind ausgesetzt. Eine armselige menschliche Kreatur wurde geboren und weggeworfen!

Ein Verbrechen?

Abdullah wurde als uneheliches Kind geboren und die Mutter wollte sich die Schande ersparen. In der Sippe herrschten strenge Sitten und Gebräuche. Vielleicht war auch die Armut der Mutter so groß, dass sie ihr Kind nicht ernähren konnte.

Durch die verheerende Dürre in der Region war eine Hungersnot ausgebrochen. Seit Jahren hatte es nicht mehr geregnet. Doch die verzweifelten Menschen glaubten an ein Wunder und wollten nicht aufgeben. Jahr um Jahr nahm sich die Sahara ein Stück Land mehr und begrub es unter ihrem heißen Wüstensand. Das Vieh konnte kein Futter mehr finden und musste abgeschlachtet werden. Die hohen Dattelpalmen mit ihren tief in den Boden geschlagenen Wurzeln warfen ihre Früchte ab, noch ehe sie reifen konnten. Dennoch wollten die Bauern ihre Hoffnung nicht aufgeben. Sie brachten ihre Saat in den trockenen Boden.

"Allah, Erbarmer der Notleidenden, schick´ uns Regen, damit wir leben können!”, beteten sie.

Wenn sich am Abend einige Wolken zeigten, sahen die Menschen zum Himmel empor.

"Heute Nacht wird es Regen geben, Allah wird unsere Gebete erhören!”

Doch am nächsten Morgen stieg die Sonne aus dem Wüstensand in den blauen Himmel hinauf, wie an jedem Tag. Die Saat, die durch die Feuchtigkeit der kühlen Nacht bereits zu keimen begann, vertrocknete wieder. Ohne Wasser gibt es kein Leben!

So kam es, dass einige Bauern Haus und Hof verlassen mussten. Mit ihrer letzten Habe zogen sie durch den heißen Wüstensand. Ihr Ziel war die große Stadt, die hinter den Bergen des Atlasgebirges lag. Sie hofften, dort ein neues Leben beginnen zu können, doch in der Stadt gab es kein Land, das sie bebauen konnten. Es gab auch keine andere Arbeit. Sie waren nur einfache Bauern, die nur das Land bearbeiten und Vieh züchten konnten, sonst gar nichts. So waren die Träume von einem besseren Leben bald ausgeträumt.

Das Elend der Flüchtlinge wollte kein Ende nehmen. Obdachlos, ohne Arbeit und Brot und ohne jede Hilfe, hausten sie in Elendsquartieren, den Bidonvilles.* Viele mussten ein unmenschliches Leben führen, ein Leben in Not und Elend. Die zurückgebliebenen Bauern, die nicht glauben wollten, dass auch sie bald der Sahara zum Opfer fielen, mussten nach jedem Sandsturm feststellen, dass wieder ein Stück ihres Bodens unter dem Wüstensand begraben lag. Die Sahara hatte die einst blühende Oase zum Tode verurteilt. Es gab keine Hoffnung mehr.

Mama Cherifa war die zweite Frau des Kalifas. Kalifa war ein bärtiger, streitsüchtiger Despot, der nur seine Meinung gelten ließ. Weil er als einziger Mann in der Oase des Schreibens und Lesens kundig war, übte er die Funktion eines Kalifas aus. In dieser Eigenschaft entwickelte er sich zu einem Menschen, dem man besser aus dem Wege ging. Selbst gegen seine Familienangehörigen war der Kalifa hart und brutal. Da er kein großer Freund der Arbeit war, ließ er seine Familie für sich arbeiten.

Mama Cherifa hatte ein schweres Leben. Sie musste ihre Familie versorgen und außerdem noch schwere Feldarbeit leisten. Trotzdem fand Kalifa immer etwas zum Schimpfen. Da Mama Cherifa im Streit kein Wort schuldig blieb, hing der Haussegen ständig schief. Mama Cherifa bestand darauf, das gefundene Kind in die Familiengemeinschaft aufzunehmen, während Kalifa das Kind sofort aus dem Haus haben wollte.

"Ich will den Hurensohn in meinem Haus nicht mehr sehen!”, rief er wütend.

*

Es war ein Wunder, dass Abdullah trotz aller Not bei guter Gesundheit blieb. Ja, er entwickelte sich sogar zu einem prächtigen Burschen. Zum Glück hatte es die Natur gut mit ihm gemeint, auch wenn ihm die Menschen nicht wohl gesonnen waren. Er war groß und kräftig gebaut und sah gut aus. Sein hübsches Profil, sein dunkles, volles Haar und seine dunklen Augen machten ihn zu einem Typ, dem sich irgendwo auf dieser Welt die Türen öffnen würden. So lange er jedoch nur alte Lumpen am Leibe trug und über einen Horizont verfügte, der über die Medina nicht hinausging, war er ein Nichts. So war er geboren – gestrandet – verloren! Ein armer Mensch, der sich allein aus seinem Elend nicht befreien konnte.

"Sie, junger Mann, wollen Sie gutes Geld verdienen?”

Ein Fremder hatte Abdullah angesprochen.

"Ich meine, willst du in Deutschland arbeiten?”

Abdullah lächelte ungläubig. Er hatte zwar schon davon gehört, dass es ein Wirtschaftswunderland gab, welches Deutschland heißt. Dort würden tüchtige Gastarbeiter dringend gebraucht. Doch er konnte an ein solches Glück nicht glauben!

Der Fremde trug einen hellen Sommeranzug. Ein gut situierter Tourist vermutlich, der lediglich von einem jungen Bettler ein interessantes Erinnerungsfoto machen wollte! Abdullah wehrte ab. Er wollte nicht in seinen Lumpen Modell stehen. Ein Einheimischer, der nicht vertrauenswürdig aussah, übersetzte die Worte des Fremden.

"Hast du einen Reisepass und hast du etwas Geld, um die Fahrtkosten zu bestreiten?”

Abdullah lächelte.

"Was soll das?”

"Komm morgen zur gleichen Stelle und zur gleichen Zeit, damit wir alles besprechen können!”

Der Fremde nahm ein Foto von Abdullah, lächelte ihm noch einmal freundlich zu und war sogleich verschwunden. Sinnend lief auch Abdullah seinen Weg durch die Medina. Einen Reisepass und Geld für die Fahrtkosten? Ein unmögliches Verlangen! Ein dummer Scherz vermutlich?