Brigitte Dufault
Lost Track - Verlorene Spur
---------------
*
In Brandon hatte der Zug einen Tag Aufenthalt. Joe und Pete sahen sich die Stadt an. Sky passte es gar nicht, an der Leine zu gehen, denn Pete wollte nichts riskieren. Der Wolf flößte vielen Menschen Angst ein und sie wichen vor dem Tier zurück.
Durch Plakate wurden die beiden Freunde auf die große Pferdeauktion aufmerksam, und da sie beide nichts Besseres vorhatten, beschlossen sie, hinzugehen und sich die Tiere einmal anzusehen.
Aus der Ferne hörten sie das laute Geschrei und das aufgeregte Wiehern eines Pferdes. Sie schoben sich durch die Menge, um nachzusehen, was die Aufmerksamkeit der umstehenden Menschen erregte. Das pechschwarze Pferd galoppierte nervös von einer Ecke in die andere, warf wild den Kopf zurück und bäumte sich auf. Die scharfen Hufe kamen den Zuschauern gefährlich nahe und sie wichen zurück. Um den Hals des Tieres war ein Lasso geschwungen und der Mann am anderen Ende des Seiles zog immer wieder daran.
«Du verfluchter Teufelskerl, ich werde dich lehren...«
Er knallte mit der Peitsche und traf den Hengst mitten zwischen die Augen. Schmerzvoll wieherte er auf und ging mit erhobenem Kopf auf den Mann los.
»Joe, halt mal.« Pete drückte seinem Freund Skys Leine in die Hand und bevor Joe ihn zurückhalten konnte, war er mit einem Satz über dem Gatter.
»Dein Herr kann nicht ohne Ärger leben«, murmelte Joe vor sich hin. Sky blickte ihn an und wedelte mit dem Schwanz.
Pete marschierte geradewegs auf den Mann zu und riss ihm die Peitsche aus der Hand. »Schlag dieses Pferd noch einmal und ich schlage dir sämtliche Zähne aus«, fauchte er und schleuderte die Peitsche mitten in die Zuschauer. Die verstummten und beobachteten die Szene mit voyeuristischer Neugier.
»Dieses Pferd hat den Teufel in sich«, versuchte sich der Mann zu rechtfertigen. Pete gab ihm einen Stoß, sodass der Kerl in den Staub fiel. Hastig kletterte er über das Gatter und verschwand in der Menge, um einen Polizisten zu holen. Pete hob das Lasso auf und ging leise redend auf das Pferd zu. Es tänzelte nervös auf der Stelle. Er hatte das Lasso zusammengerollt und legte es dem Pferd ungefähr zehn Fuß entfernt auf den Boden, dann zog er sich ohne Eile vier Schritte zurück und wartete einfach ab. Der Rappe roch an dem Seil und warf den Kopf zurück. Aus großen dunklen Augen blickte er Pete an, lange und gründlich. Der stand da wie angewachsen und zupfte beiläufig imaginäre Krümel von seinem Hemd. Der Hengst machte einen Schritt auf ihn zu, die Nüstern weit geöffnet. Ganz vorsichtig streckte Pete dem Tier seine Hand entgegen, dabei ging er wieder einen Schritt zurück. Es war ruhig, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Pete schritt gemächlich am Gatter entlang, so als würde er über einen Jahrmarkt schlendern. Dann blieb er stehen. Der Hengst folgte ihm zunächst und blieb dann auch stehen.
Pete ging in die Mitte und wartete. Er sah das Tier nicht an, er spürte nur, wie es sich ihm von hinten näherte und an ihm roch. Der warme Atem des Tieres streichelte seinen Nacken. Ganz langsam drehte er sich um. Nun standen sie da, Auge in Auge. Er stupste den Hengst ganz leicht an das Maul und der Rappe stupste zurück.
»Bist ein feiner Kerl.« Bedächtig hob Pete die Hand und berührte sanft den riesigen Kopf, kraulte die Wangen und schließlich den Hals. »Du hast nichts zu befürchten, niemand wird dir etwas tun, mein Freund.«
Aus den Augenwinkeln sah Pete, wie der Besitzer mit einem Mountie im Schlepptau zurückkehrte. Ruhig bewegte er sich zum Gatter und kletterte hinüber.
»Officer, das ist der Mann. Sie müssen ihn verhaften, er hat mich bedroht.«
»Stimmt das, Mister?«
»Ja, ich habe ihm gesagt, dass ich ihm alle Zähne einschlage, wenn er das Tier noch einmal schlägt. Oder, Joe?«
Joe war mit Sky herangetreten und nickte bestätigend. »Ja, das hast du wortwörtlich gesagt.«
»Sie geben also zu, diesen Mann bedroht zu haben?« Der Officer konnte es nicht fassen, die Sache verlief leichter, als er anfänglich dachte. Pete schaute auf die Rangabzeichen des Mountie, er war Corporal. Pete war Inspector bei den Rangers, also ranghöher. Die Rangers hatten ebensolche Staatsgewalt wie die Polizei, es war lediglich eine Sache der Kompetenzen.
»Corporal...?«
»Corporal Field«, half der Polizist Pete auf die Sprünge.
»Also gut, Corporal Field. Wir müssen uns kurz unterhalten.« Pete schob den überraschten Mann in eine abgelegene Ecke und redete rasch mit ihm, danach kehrten sie zu den Wartenden zurück. »Ich kaufe dieses Pferd. Wie viel wollen Sie dafür haben?«
»Kaufen? Erst beleidigen und bedrohen Sie mich, dann wollen Sie das Pferd kaufen?« Der Mann tat entrüstet und wandte sich an den Polizisten. »Sie wollten ihn verhaften!«
»Das kann ich nicht. Gehen Sie lieber auf seine Bedingungen ein, sonst werden Sie verhaftet, und zwar von ihm.«
»Mich verhaften?« Der Mann verstand die Welt nicht mehr. »Aber ich bin doch bedroht worden, nicht er.«
»Was ist jetzt?« Pete wurde ungeduldig.
»Schon gut, schon gut. Ich will 150 Dollar haben.«
»Hm.« Pete nickte, der Preis war eindeutig zu hoch für ein Pferd, auf dem noch nie ein Reiter gesessen hatte, aber er verspürte wenig Lust, mit dem Mann zu verhandeln.
»Nehmen Sie einen Scheck?«
»Ist der denn gedeckt?«
»Mein Wort darauf.«
»Okay. Dieser Gaul hat mir sowieso nichts als Ärger bereitet, bin froh, wenn ich ihn los bin.« Gierig schnappte sich der Mann den Scheck und wollte schleunigst verschwinden.
Pete hielt ihn fest. »Moment, den Kaufvertrag hätte ich vorher ganz gerne.«
Der Verkäufer fingerte einen schmutzigen Zettel aus seiner Tasche, setzte den Kaufpreis ein und seine Unterschrift darunter.
»So, da haben Sie Ihren Vertrag und nun lassen Sie mich los.«
Pete faltete das Stück Papier und steckte es in seine Brusttasche. Joe konnte wieder einmal nur den Kopf schütteln.
»Und was willst du mit ihm anfangen?«
»Ihn nach Hause bringen. Komm, Joe, wir müssen zum Bahnhof, aber erst hole ich Black-out.«
»Black-out? Ist das sein Name?«
»Seit heute. Ist passend, oder?«
»Du bist verrückt, vollkommen verrückt!«
Mit äußerster Geduld und gütigem Zureden schafften sie den Hengst zum Bahnhof. Während Joe mit Black-out und Sky wartete, ging Pete in das Büro des Stationsvorstehers und redete ungefähr eine halbe Stunde auf den armen Mann ein, wobei ein paar Geldscheine den Besitzer wechselten. Gemeinsam kamen sie aus dem Büro, der Stationsvorsteher ging in Richtung Güterwagen und Pete zu seinem Freund.
»Was ist los?«
»Ein Viehwagen wird angekoppelt und dann können wir endlich nach Hause.«
»Wie hast du das bloß gedeichselt?«
»Mit Geld und guten Worten, mein Freund. Du hast hoffentlich nichts dagegen, die Weiterreise in einem Viehwagen fortzusetzen. Ich möchte Black-out ungern dort alleine lassen und du würdest mir eine außerordentliche Freude machen, wenn du mir dabei Gesellschaft leistest.«
»Mir bleibt ja wohl nichts anderes übrig. Weiß der Geier, was beim nächsten Zwischenstopp passiert.«
Nach zwei Stunden konnten sie endlich weiterfahren. Es hatte ein paar Schwierigkeiten gegeben, Black-out davon zu überzeugen, den Zug zu nehmen, schließlich gelang es ihnen doch. Sie machten es sich im Stroh bequem. Das monotone Geräusch und die schaukelnde Bewegung machten müde und sie schliefen ein. Die Reise verlief ohne Zwischenfälle und am Morgen des dritten Tages fuhr der Zug in Churchill ein.