Joana Brouwer
Wenn die Sonne weggegangen
Das war kein Irrtum oder Zufall gewesen. Den Gedanken hatte Max ebenfalls gehabt, und ihn augenblicklich verworfen. Mit diesem auffälligen Mantel konnte man sie nicht verwechseln. Gestern trug sie einen schwarzen, langen Mantel und die sah man häufig um diese Jahreszeit.
»Wo hast du diesen extravaganten Mantel gekauft?«, fragte Max, als sie aus dem Waschraum zurückkam, und blickte dabei auf ihren rostroten Mantel, der fast bodenlang war, mit großen Taschen und einem angesetzten, sehr breiten Schal. Der Schal wurde diagonal von verschiedenen, schwarzen Mustern unterteilt, die sich auf den Taschen wiederholten. Er konnte sich nicht erinnern, jemals einen Mantel in dieser Form und Farbe gesehen zu haben.
»Meine Mutter hat ihn mir vor einigen Jahren geschenkt. Sie hat ihn aus den USA mitgebracht«, antwortete Eva und setzte sich, ohne den Blick von seinem Gesicht zu nehmen.
»Das war kein Zufall und es war keine Verwechslung!«, stellte Max fest.
Er räusperte sich und lehnte sich an die gegenüberliegende Wand, ohne sie aus den Augen zu lassen.
»Irgendjemand wollte dich überfahren und hat auf dem Parkstreifen in seinem Auto darauf gewartet, dass du das Restaurant verlässt.«
»Quatsch«, platzte sie heraus und schüttelte empört den Kopf.
Sobald die Polizisten ein Protokoll aufgenommen hätten, würde er Eva nach Hause fahren, weil sie übermüdet war und unter Schock stand. Nicht weil sie als weibliche Angestellte eine Sonderrolle einnahm oder ihn als Frau interessierte. Er war ein verantwortungsvoller Mensch und deswegen würde er sie heimfahren. Das war der einzige Grund.
»Sobald die Polizisten das Protokoll aufgenommen haben, bring ich dich nach Hause«, entschied Max und sah in ihre Augen.
»Das müssen Sie nicht, Herr Hartmann«, wiegelte Eva ab.
»Das werde ich aber«, sagte Max, ohne sich zu bewegen, »und du hörst sofort damit auf!«
»Womit?«
»Das weißt du. Ich habe dein Leben gerettet. Man siezt seinen Retter nicht. Ich werde im Büro anrufen. Man wird uns inzwischen vermissen.«
Bevor Max sein Handy aus der Jackentasche nahm und Katja anrief, ging er einige Schritte zur Seite, um Toni Platz zu machen, der einer älteren Dame aus dem Mantel half.
7.
Die alte Dame wählte einen Tisch am Fenster. Sie setzte sich mit dem Gesicht zu Eva, ließ sich von Toni die Speisekarte reichen, schlug den angebotenen Cognac aus und bat stattdessen um einen Likör nach dem Essen.
Als sie in die aufgeschlagene Speisekarte schaute, schob sie ihre Brille vorne auf die Nase und immer, wenn sie die Augen nach oben schlug, blickte sie in Evas Gesicht, dachte dabei an Evelyn und registrierte mit Verwunderung die Ähnlichkeit in Figur, Gesicht, Haar und Stimme. Sie erinnerte sich an das Haus, an den Garten, an die Halle mit der geschwungenen Treppe und dem eindrucksvollen bleiverglasten Fenster und an die großzügige Westterrasse. Auf ihr wurde an diesem Sommerabend, im Jahre 1932, getanzt und in der imposanten Halle reichte der Hausherr zur Begrüßung jedem Gast ein Glas Champagner. Später am Abend baute man in dieser geräumigen, wunderschönen Halle das üppige Büfett auf. Silberne Kerzenleuchter und die Blüten weißer Chrysanthemen in flachen Silberschalen schmückten die freien Flächen der langen, weiß gedeckten Tafel. Nie wieder hatte sie ein Büfett gesehen, das so einladend und geschmackvoll aussah wie dieses Büfett in der Halle des Hauses im Sommer 1932. Die großen Flügeltüren eines jeden Raumes waren weit geöffnet und gaben den Blick auf die Tanzfläche und den festlich geschmückten Garten frei. Bunte Lampions hingen in den Ästen der Bäume und brennende Fackeln standen zwischen blühenden Rhododendren an der langen Auffahrt. Obwohl sie damals erst zehn Jahre alt gewesen war, hatte sie sofort gewusst, als sie in den Garten blickte, dass sie all das, was sie vor sich sah, irgendwann einmal besitzen wollte und auch besitzen würde.
Als die Polizisten kamen, servierte Toni dem neuen Gast die bestellte Salatplatte. Sie begann zu essen, lauschte dabei aufmerksam und wunderte sich nicht, dass die junge Frau mit der >Musikstimme< ihrer Großmutter sprach.
Die alte Dame aß langsam und ließ sich von dem Gespräch am Nachbartisch kein Wort entgehen.
Es müsse ein Zufall sein, denn es gäbe keinen Menschen, der einen Grund haben könnte, sie zu töten, sagte Evelyns Enkelin.
Obwohl es sie beruhigte, dass die junge Frau diese Sätze sprach, schmeckte ihr der Salat nicht, weil ihr Sohn ein Idiot war. Dass ihr Sohn ein Idiot war, schlug ihr immer auf den Magen, trotzdem würde sie den Teller leer essen. Das verlangte die Disziplin. Was man bezahlte, das aß man. So einfach war das. Und wenn sie den Salat gegessen hatte, würde sie den versprochenen Likör trinken.