Sabine Bangel

Für ein bißchen Leben

Agoraphobie

Ausschnitte aus einem Leben mit der Angst

Vorwort

SABINE BANGEL leidet seit fast zwanzig Jahren unter Agoraphobie, einer der wohl belächeltsten Krankheiten unserer Gesellschaft. Trotz einer geschätzten Zahl von sechs Millionen Agoraphobikern in Deutschland ist das Öffentlichkeitsbewußtsein gering - teils weil Betroffene ihr Leiden verheimlichen, teils weil Agoraphobiker immer noch als "verrückt" abgestempelt werden.

Sie erzählt von ihrem Leben mit der Angst, einem Leben, das mit den Jahren immer enger wurde, einem Leben ohne Handlungsfreiheit. In anschaulicher Weise werden der Rückzug aus der Gesellschaft, die Problematik innerhalb von Beziehungen, verschiedene Einflüsse, die die Panikattacken immer wieder hervorrufen, Isolation, Einsamkeit, Stigmatisierungen und die durch Unwissenheit geprägten, mangelhaften Hilfsmöglichkeiten durch Ärzte und Therapeuten dargestellt.

Ihre Schilderungen haben sich so oder ähnlich ereignet. Sie beruhen zum Teil auf eigenen Erlebnissen, zum Teil auf Recherchen im Rahmen ihrer Doktorarbeit und auf Erfahrungsberichten anderer betroffener Personen. Die in dem Buch genannten Namen wurden derart geändert, daß dem Leserpublikum Rückschlüsse auf noch lebende Personen nicht möglich sind.

Der Verlag

Münster, im August 1998



Prolog


In kleinen Kreisen umspült das grünlich trübe Wasser der Elbe meine Waden, während die Sonne auf meinen nackten Rücken brennt. Es ist heiß, der Schweiß rinnt mir aus allen Poren, und die Stimmen, die aus den Nachbargärten herüberdringen, vermischen sich mit der Musik aus meinem Rekorder und dem knatternden Motorenlärm der vorbeiziehenden Boote. Untentwirrbar, enervierend, beängstigend. Nichts ist mehr klar zu unterscheiden; alles verschwimmt und dröhnt in meinem Kopf.

Ich habe Angst!

Mein Blick fällt auf das Schild "Privatgrundstück”. Dem Himmel sei Dank, daß ich nicht den Blicken neugieriger Spaziergänger ausgesetzt bin! Vorsichtig schwanke ich auf Schaumgummibeinen durch den großen Garten zurück zum Haus, japse hektisch nach Luft und halte mich an jedem Baum fest, um nicht umzukippen. Im kühlen Schlafzimmer werfe ich mich aufs Bett und vergrabe mein Gesicht weinend in Dennis’ Kopfkissen. Es riecht so beruhigend nach ihm - tröstend, vertraut.

Ich möchte Lebensmittel einkaufen, ein köstliches Abendessen vorbereiten und Dennis später vom Flughafen abholen. Nur wie? Wie soll ich das schaffen, solange mich mein ärgster Feind gefangen hält, meine Glieder fesselt und lähmt und mir langsam die Luft abschnürt? Wieder einmal hat die Angst mich in ihre Zwangsjacke gesteckt, hält mich fest im Griff, bestimmt mein Denken, mein Fühlen und mein Handeln.

Zu schnell ist zu viel Neues auf mich eingestürmt und hat mich überrannt. Unverhofft und ohne Vorbereitung. Liebe, ein neues Leben, eine fremde Welt - Unbekanntes, das ich erst verdauen muß, das mich verunsichert. "Glück pur” - und dennoch habe ich Angst. Sollte die unglückliche, einsame "Pechmarie” einmal im Leben den richtigen Frosch geküßt haben? Ich zweifle nicht daran, aber ich zweifle an mir selbst. Kann ich denn meinem Prinzen eine kranke Frau zumuten?

Wie soll ich Dennis erklären, daß es unmöglich ist, mit mir ein normales Leben zu führen? Wie soll er verstehen, daß jeder Tag ein aussichtsloser Kampf gegen die Angst ist? Und auf die Angst ist Verlaß! Sie ist immer zur Stelle, allgegenwärtig, stets bereit, zuzuschlagen. Aber sie läßt mich im Ungewissen, treibt ihr Spiel mit mir - ein grausames, unfaires Spiel, bei dem ich keine Chance habe, sie letztlich immer die Siegerin bleibt. Manchmal läßt sie mich zappeln, und nichts von dem, was ich befürchte, tritt ein, und dann, plötzlich und unverhofft, hat sie mich fest in ihren Klauen, nimmt mir die Luft zum Atmen, bis blinde Todesangst mich fast um den Verstand bringt.

Wie soll ein solches Miteinander funktionieren? Hat mich nicht die Vergangenheit gelehrt, daß jede Beziehung von vornherein zum Scheitern verurteilt ist? Unser Leben wäre fremdbestimmt, unserem Einfluß entzogen - der Boss wird immer die Angst sein. Die Angst, mein feiger, unsichtbarer Diktator, gegen den ich mich seit Jahren erfolglos zu wehren versuche. Haben Dennis und ich denn nur die winzigste Aussicht auf ein bißchen gemeinsames Glück?

Wie winzige, flatternde Kolibris schwirren die Gedanken pieksend durch meinen Kopf, spitze Schnäbelchen pochen gegen meine Stirn. Ich atme tief durch, ziehe mich an und will den Wagen aus der Garage holen. Ich zittere wie Espenlaub, mein Magen krampft sich zusammen, und ein eiserner Panzer legt sich um meine Brust. Ob ich jemanden bitte, mir zu helfen? Aber alle, die mir vertraut sind, die mich lieben trotz meiner immer wieder auftretenden Panikattacken, die für mich da sind und mich so akzeptieren, wie ich bin, gehören zur Band und kommen erst später mit Dennis nach Hause. Ein Benefiz-Konzert in London. Alle sind mitgeflogen, auch die Ehefrauen und Freundinnen der Musiker, die mich herzlich in ihren Kreis aufgenommen haben, nur ich hatte - wie immer - zuviel Angst. Vielleicht das nächste mal... vielleicht, wenn es mir besser geht... vielleicht wenn ich mich an Dennis, die neue Umgebung und das neue Leben gewöhnt habe... Ich bin also auf mich allein gestellt und muß mir selber helfen, wenn ich heute alles schaffen will, was ich mir vorgenommen habe.

Ohne Dennis bin ich verloren, darauf angewiesen, auf die vertrauten, bewährten "Krücken”, die gewohnten "Angst-Bewäl-tigungsstrategien” zurückzugreifen. Der zuckende rechte Fuß mit den sich schmerzhaft verkrampfenden Zehen, der, wenn ich Angst habe, ein Eigenleben führt, wird in einen engen Cowboystiefel gezwängt, damit ich sicher auftreten kann. Das lahme rechte Bein, in das ich hineinkneifen kann, ohne etwas zu spüren, muß ich in Kauf nehmen, bis der Angstanfall abgeflaut ist. Da dies aber nie von allein passieren wird, wenn ich nicht nachhelfe, wühle ich hektisch in meiner Handtasche, krame mit flatternden Händen meine Pillendose hervor und spüle schnell zwei Tranquilizer mit einem Glas Bier herunter.

"Was schluckst du denn da?” fragt der Mann, den ich liebe. Er lehnt strahlend in der Terrassentür, vier Stunden früher zurück als erwartet. Sein blondes Haar funkelt in der Sonne, und er frotzelt übermütig: "Ist das für deinen Vitaminhaushalt, oder spielen deine Hormone mal wieder verrückt?”

Ich zucke zusammen. Erwischt! Ich erwidere seine Umarmung nicht, kann mich nicht freuen, gucke beschämt zu Boden. "Weder noch”, sage ich leise. "Das ist nur für ein 'bißchen Leben'.”

Während der folgenden Tage und Nächte reden wir, und ich erzähle von meiner Vergangenheit, meinem Leben mit der Angst.


Teil 1

Ich bin zwanzig Jahre alt, und die Welt liegt mir zu Füßen. Selbstbewußt und lebenshungrig warte ich auf meinen Studienbeginn zum Sommersemester 1978. Jura, nur ein "Parkstudium” zwar, bis ich den ersehnten Platz für Germanistik ergattere - aber dennoch, der Anfang eines neuen Lebens! Ich bin optimistisch; ich kann mir Vorfreude erlauben. Vorfreude auf etwas Neues, aufbauend auf dem sicheren Hintergrund der Partnerschaft. Ich bade in Sicherheit und Geborgenheit, der Sicherheit unserer großen Liebe und der Geborgenheit unseres gemeinsamen Nestes - ein luftleerer Kokon, in dem es nur uns beide gibt. Außeneinflüsse verboten! Kann es etwas Schöneres geben?

Jochen und ich leben seit drei Jahren zusammen. Gegen herkömmliche Konventionen verstoßend, sind wir während unserer Schulzeit zusammengezogen und haben uns viel Ärger und Kritik eingehandelt - ja, und wohl auch den Neid der immer und allzeits "Angepaßten". Jedoch, allen Kassandrarufen zum Trotz, haben wir gemeinsam die Steine aus unserem Weg geräumt und Hand in Hand die Hürden der Kleinstadtkonventionen übersprungen. Nun gilt es, unseren Platz im Leben zu finden, die richtige Ausbildung zu wählen und zu verwirklichen, was in uns steckt. Und da muß jeder allein durch, ohne den anderen...
An diese - zumindest teilweise - unvermeidliche Loslösung vom Partner denke ich nicht gern. Die Zeit des Spielens ist vorbei, und irgend etwas erschreckt mich an dieser Erkenntnis. Liegt es daran, daß ich bereit bin, unsere kleine Welt zu erweitern, indem ich ins Leben hinaustrete und Jochen immer noch spielt...?

Jochen studiert seit einem Jahr Pädagogik - um es ehrlicher auszudrücken: er ist seit einem Jahr an der Pädagogischen Hochschule in Lüneburg immatrikuliert. Was Jochen macht, ist halbherzig. Er steht nicht dahinter. Er weiß es - ich weiß es, aber wir reden nicht darüber. Er besucht kaum Vorlesungen und Seminare, betont aber immer wieder, daß es sein Traum sei, Lehrer zu werden.

Jochen ist halt lieber zu Hause, rede ich mir ein, bei mir und unserer Hündin, bastelt an unserem gemieteten Lebkuchenhäuschen herum, baut einen "Bonanzazaun" oder konstruiert eine Alarmanlage. Im Moment ist er damit beschäftigt, sich ein Fotolabor einzurichten. Ich bin glücklich, daß er fast immer bei mir ist - zeigt das nicht, wie sehr er mich liebt? -, denke mir, ihm liegt das Studieren nun mal nicht, er ist halt mehr ein Handwerker. Über meine Zulassung zur Universität Hamburg freut er sich nicht so, wie ich es erwartet habe. Es scheint fast, als wolle er sie am liebsten ignorieren. Ist er unglücklich, weil ich bald jeden Tag unterwegs sein werde? Eifersüchtig auf meine künftigen Kontakte, an denen er nicht teilhaben kann? Ich frage nicht, kein Wehrmutstropfen soll meine Freude trüben!

Angespannt und kribbelig versuche ich, meinen Alltagskram zu verrichten, aber meine Gedanken kehren immer wieder zum Universitätsleben zurück. Ich stehe wie unter Strom, bin aufgeregt, ein bißchen ängstlich. Der Tag der Immatrikulation rückt näher.

Ich frage Jochen, ob wir gemeinsam nach Hamburg fahren wollen. Wenn ich mich eingeschrieben habe, könnten wir ja noch bummeln gehen und abends etwas Schönes unternehmen oder so... Nein. Einfach "nein". Ich bitte, ich bettele und erkläre, wie unsicher ich sei und wie froh ich wäre, wenn er mitkäme und... und... und... Jochen sieht mich nur lange Zeit an und sagt ruhig: "Du hast dich entschieden, diesen Weg zu gehen, nun mußt du ihn auch allein bewältigen."

Ich stehe vor ihm wie erstarrt. Irgend etwas ist kaputtgegangen. Ich habe mit einem Fremden gesprochen. Ich bin so allein, fühle mich so verlassen. Nicht weinen, ruhig Sabine, du mußt nachdenken. Mein Herz flattert, was ist das? Nein, es stolpert... immer schlimmer... es hört nicht auf... Ich habe Angst, atme schneller, noch schneller, alles dreht sich. Ich rufe Jochen, lege mich vorsichtig aufs Sofa. Oh Gott, ich bekomme einen Herzinfarkt, komm’ schnell... komm’ schnell... Jochen kommt aus dem Keller gerannt, die Säge noch in der Hand, ist besorgt und hilflos.

Wir fahren in die nächstgelegene Kleinstadt - Lüneburg ist zu weit entfernt von dem kleinen Dorf, in dem wir uns verschanzt haben - zu einem Arzt für "Allgemeine Medizin". Dieser gütig aussehende alte Herr untersucht mich nur kurz und hat - zu meiner Beruhigung - sogleich die Diagnose parat: Die Mandeln sind vereitert!

Aha, hier "liegt der Hund begraben". Den ganzen Winter habe ich mich damit herumgeplagt und nun steht’s also fest: Die Mandeln müssen schleunigst ‘raus, denn, so wird mir erklärt: vereiterte Mandeln können zu Herzrhythmusstörungen führen. Also fort mit ihnen, und alles kommt wieder in Ordnung. Ich bin erleichtert. So einfach ist das! Ich entschließe mich, sofort ins Krankenhaus zu gehen. Ich will die Operation so schnell wie möglich hinter mich bringen, um zum Semesteranfang wieder fit zu sein.

Weder Jochen noch ich kennen einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt, und so melde ich mich kurzerhand bei einem der drei in Lüneburg praktizierenden Ärzte an, ohne vorher Erkundigungen einzuholen oder Freunde um Rat zu fragen. Eine Mandeloperation ist schließlich eine Bagatelle, die jeder Arzt ausführen kann und die jeder Mensch überlebt. Oder nicht?
Die Nacht verbringe ich mit Selbstbeobachtung. Ich registriere jede Unregelmäßigkeit meines Herzschlags, jedes Stechen in der linken Brusthälfte. Jochen schläft. Er ist ruhig, weil er weiß, daß ich fähig bin, Unangenehmes zu bewältigen, daß ich immer tapfer "meinen Mann stehe", daß ich eben - wie er zu sagen pflegt - eine "starke" Frau sei. Was er nicht weiß: Ich habe Angst. Ich liege wie gelähmt auf meiner Bettseite, bewegungsunfähig, schweißgebadet. Und wenn ich nun sterbe, bevor die Mandeln herausoperiert werden?

*


Am nächsten Morgen bin ich verkatert und noch zittriger und ängstlicher als sonst. Aber was soll schon passieren? Jochen wird mich zum Bahnhof fahren, wo mich meine beste Freundin erwartet, die bereits ein Semester Germanistik an der Hamburger Uni absolviert hat. Die Zugfahrt wird mit Sicherheit lustig werden, wenn wir herumalbern und über unbeliebte Bekannte tratschen, wie so oft, wenn wir zusammen sind. Um elf Uhr dreißig werde ich dann unseren guten Freund Peter treffen, Jurastudent im dritten Semester, und wir werden durchs Univiertel bummeln und dann gemeinsam mit Peters Auto nach Hause fahren. Ich bin also rund um die Uhr abgesichert.

Meine Gedanken erschrecken mich. Seit wann habe ich mein Leben nicht mehr ohne fremde Hilfe im Griff? Seit wann brauche ich Sicherheitsmaßnahmen, um meinen Tag zu bewältigen? Sicherheitsmaßnahmen zur Vorbeugung... ja, aber wogegen? Was befürchte ich denn so Schlimmes?

Während wir zum Bahnhof fahren, versuche ich, mit Jochen über meine Gefühle zu reden. Er spricht von der ganz normalen Aufregung eines Studienanfängers, die sich mit der Zeit schon legen würde, und davon, daß ich halt immer noch nicht so ganz "auf dem Damm" sei. Zögernd und mir selbst nicht ganz sicher, sage ich leise, daß ich glaube, Angst davor zu haben, daß sich das - was immer es auch war - wiederholen könnte, was im Wald passiert sei. Ein neuer Anfall könnte mich erwischen, und ich würde ihm hilflos ausgeliefert sein. Ich könnte wieder in Panik geraten und die Kontrolle über meinen Verstand und meinen Körper verlieren. Ich könnte sterben und würde weit weg sein. Weit weg von Jochen und meinem Zuhause.

Schlagartig wird mir klar, wovor ich solche Angst habe: Ich habe Angst vor der Angst!