15. Juni 1994, 13.00 Uhr - zunächst ein Mittwoch wie jeder andere. Soeben habe ich meine Praxis abgeschlossen und steige die Treppe ins Obergeschoss hinauf. Ich öffne die Tür und betrete meine geräumige, behagliche Wohnung. Endlich wieder ein freier Nachmittag. Ich atme tief durch, falle in meinen Lieblingssessel und lasse die stürmische Begrüßung meines Hundes gern über mich ergehen. Neben meiner Tochter, die sich nach dem gerade bestandenen Abitur ein Jahr in Paris aufhält, ist die schöne, kluge Pudelhündin mein Ein und Alles. Es macht mir nichts aus, von früh bis spät in meiner gynäkologischen Praxis zu arbeiten, denn ich liebe meinen Beruf. Dennoch brauche ich diese freien Nachmittage, um aufzutanken und mich zu entspannen. Diesen Tag werde ich einmal so richtig genießen.
Plötzlich sind die Schmerzen da, wie aus heiterem Himmel. Sie beginnen im rechten Knie und breiten sich stetig über das ganze Bein aus. Zusehends werden die Qualen stärker - und das Knie immer dicker. So ein verfluchter Mist! So hatte ich mir meinen freien Nachmittag wirklich nicht vorgestellt.
Nach zwei, drei Stunden kann ich nicht mehr problemlos auftreten. Nicht nur das Knie, sondern auch die knienahen Teile von Ober- und Unterschenkel schwellen rasant an, werden rot und heiß. Als Medizinerin behalte ich in solchen Situationen, wie üblich, einen kühlen Kopf. Offensichtlich entzündet, sage ich mir. Aber das ist ja kein Drama, das gibt sich sicher bald. Doch diese Annahme sollte sich als folgenschwerer Irrtum erweisen.
Zunächst versuche ich es probeweise nach alter Hausfrauenart mit kalten Umschlägen. Das bringt natürlich gar nichts. Bereits nach wenigen Stunden dämmert es mir allmählich, dass die Angelegenheit ernst ist. Also rufe ich als Erstes Ibrahim an, einen befreundeten libanesischen Orthopäden. Schließlich ist Mittwochnachmittag, und die meisten Praxen sind geschlossen.
»Bin schon auf dem Weg in die Praxis!«, ruft er ins Telefon, nachdem ich ihm in knappen Worten meinen Fall geschildert habe.
Eine Stunde später treffen wir uns in seiner Praxis. Er untersucht das Bein, nimmt Blut ab und punktiert das Knie. Nachdem er eine erste Blutprobe in seinem kleinen Labor untersucht hat, macht er eine bedenkliche Miene.
»Leider keine gute Nachricht, Hanne. Du hast vermutlich eine akute Entzündung im Knie. Die BSG (Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit) ist massiv erhöht, und du weißt ja selbst, dass wir auf die anderen Laborwerte erst warten müssen.«
Später wird sich herausstellen, dass ich es bereits ab diesem Abend mit einer besonders gefährlichen Infektion, nämlich mit MRSA (Multi Resistent Staphylococcus Aureus) zu tun habe. Der Name ergibt sich aus der Tatsache, dass es sich um ein Bakterium handelt, das gegen viele Antibiotika resistent ist. Der Erreger Staphylococcus aureus, im Medizinerjargon Killerkeim genannt, ist der am meisten nachgewiesene Erreger bei Krankenhausinfektionen überhaupt und - nomen est omen - kostet gemeinsam mit anderen Bakterien, Pilzen, Viren und sogar Protozoen (Einzellern) in Deutschland jährlich mindestens 40.000 Menschen das Leben (Notgemeinschaft Medizingeschädigter).
- Die Zahl der jährlichen Opfer wird aber auch mit 55.000 Toten (Dr. B. Wegener, Dr. M. Miklus und Dr. A. Bergmann in Life-Sciences-Industrie),
- mit 60.000 Toten (Dr. M. Lehmann im MDR-Fernsehen)
- oder mit 100.000 Toten (Prof. K. Reinhart, Präsident der Deutschen Sepsis-Gesellschaft) angegeben.
Dabei ist gleichbleibend mit etwa der doppelten bis dreifachen Menge an Erkrankungen zu rechnen. Nach offiziellen Angaben fordert die Sepsis aber erstaunlicherweise nur 1.800 Tote jährlich. Allein diese Zahlen sollten alle Politiker- zum sofortigen Handeln zwingen, denn der Unterschied ist dermaßen haarsträubend, dass man ihn nicht glauben kann.
Ich habe folglich das, was man im Volksmund eine Blutvergiftung nennt. Auch andere Blutwerte, die auf eine besonders schwere Infektion hinweisen, sind bereits an diesem Mittwochabend deutlich erhöht, wie etwa das C-reaktive Protein (spezieller Eiweißkörper) und die Leukozyten (weiße Blutkörperchen). Nach jahrelanger Erfahrung in Klinik und Praxis bin ich so leicht durch nichts aus der Fassung zu bringen, ebenso wenig oder erst recht nicht, wenn es um meine eigene Gesundheit geht. Diese rasante Entwicklung macht mir allerdings mulmige Gefühle in der Magengegend. Hat er mich doch wieder eingeholt, der Verkehrsunfall auf Sylt, der schon so lange zurückliegt und durch den mein rechter Unterschenkel vor 33 Jahren zertrümmert wurde?