Klaus-Peter Bachstein

Moses - Die Wahrheit über den Exodus

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3. Der Auszug aus Ägypten

Der Auftrag

Das Volk Israel ist nicht selbst auf die Idee gekommen, Ägypten, und damit der beklagten Knechtschaft, den Rücken zu kehren. Es bedurfte einer treibenden Kraft, um diese historische Tat zu vollbringen. Die Unterdrückten brauchten einen Anführer. Jemanden, der einen solchen Gewaltakt durchziehen konnte. Es bedurfte einer starken Persönlichkeit. Einer Respektsperson, die sich für die Interessen des Volkes nachhaltig und mit Erfolg einsetzen konnte.

Aus der römischen und griechischen Geschichte sind uns Sklavenaufstände überliefert. Ein solcher Aufstand begann jedes Mal in den Reihen der Unterdrückten. Aus diesem Personenkreis etablierten sich die Anführer der jeweiligen Rebellion. Am bekanntesten ist der Sklavenaufstand unter Spartakus im römischen Reich. Spartakus hatte lange Zeit großen Erfolg im Kampf gegen die römischen Legionen. Schließlich scheiterte er, weil er keine Möglichkeit fand, vom italienischen Boden wegzukommen.

Ein Aufstand der unterdrückten Massen aus Goschen hätte in Ägypten mit größter Wahrscheinlichkeit zu keinem Erfolg geführt. Dafür waren die Herrscher des Landes einfach zu stark, die Baustellen hervorragend überwacht und die Kontrolle über die Unterdrückten bestens organisiert. Außerdem kann die Sklaverei in Ägypten nicht mit der im römischen Imperium verglichen werden. Die Spielregeln waren in Ägypten ganz andere. Während die Römer ihre Sklaven mit ungeheuerer Brutalität bei der Stange hielten, konnte dieses Prinzip in Ägypten aufgrund der Religion und des Verständnisses für Menschenrechte nicht angewandt werden. Vielmehr hatten die Sklaven in Ägypten ganz offensichtlich ein vernünftiges Auskommen. Die Bibel belegt diese Annahme indirekt durch den häufig geäußerten Wunsch des Volkes, zu ihrem Sklavenhaus zurückzukehren. Immer wieder wird betont, dass in Ägypten reichlich, vor allem gute Nahrung für die Sklaven vorhanden war. Unter Ramses III wird gar belegt, dass die "Leiharbeiter" an seinen Baustellen bezahlt wurden.

Es hat keine Aufstände gegeben. Wenn es sie gegeben hätte, könnten wir die Zerschlagung eines solchen Aufbegehrens auf irgendwelchen Tempelreliefs oder Grabinschriften nachlesen. Alle Pharaonen haben sämtliche Heldentaten verewigen lassen. Die Niederschlagung eines Sklavenaufstandes wäre solch eine Heldentat. Welcher Pharao hätte der Versuchung, dies schriftlich, möglichst etwas überschwänglich, darstellen zu lassen, widerstehen können? Nach dem, was heute über das alte Ägypten, vor allem der Mentalität der Herrscher, bekannt ist, wäre das Auslassen eines solchen Berichtes eine Sensation. Die Pharaonen waren eitel. Sie benutzten jede Möglichkeit, sich für alle vollbrachten Taten in den höchsten Tönen loben zu lassen. Und das für jedermann sichtbar, möglichst auf den Außenmauern ihrer Tempelwände. Spätestens auf den Wänden ihrer Gräber wurde jede kleinste Tat zum Heldentum ausgeschmückt. Ramses II ließ beispielsweise die berühmte Schlacht von Kadesch gegen die Hethiter als großartigen Sieg für sich darstellen. In Wirklichkeit ging dieser Krieg unentschieden aus, wie wir heute wissen. Nach Ramses Darstellung hätte es keines Friedensvertrages bedurft, denn er hätte als Sieger dieser Schlacht dem Gegner seine Bedingungen diktieren können. Es gibt keine Berichte über einen Sklavenaufstand in Ägypten.

Der Mann, den Israel brauchte, war Moses. Er erfüllte alle notwendigen Voraussetzungen. Moses war gebildet und mit den Gepflogenheiten des Königshauses und der Diplomatie vertraut. Er genoss seine Ausbildung unter den vermutlich besten Lehrern des Landes. Er kannte die Mentalität Ägyptens und wusste daraus resultierend natürlich, wie er vorgehen konnte. Ihm waren die Stärken und Schwächen der ägyptischen Hierarchien bekannt.

Wenn also jemand Aussicht hatte, ein versklavtes Volk aus dem starken Ägypten herauszuführen, dann kam nur ein Mann wie Moses infrage.

Die Voraussetzungen hatte er also. Doch wo war der Beweggrund? Nach der Überlieferung ist auch Moses nicht von sich aus auf die Idee gekommen, Israel zu befreien. Er bekam den Befehl von Gott. Wer das nicht akzeptieren kann, muss sich die Frage stellen, welchen Ansporn Moses gehabt haben soll, sich aus einer sicheren Existenz aufzumachen, um in eine Zukunft voller Ungewissheiten und Schwierigkeiten zu gehen? Er musste wissen, dass in Ägypten unter Umständen der Tod auf ihn wartet. Für wen oder was sollte er sein Leben riskieren? Zu seiner Motivation habe ich bereits ausführlich Stellung genommen.

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4. Gesetze einer neuen Nation

Die Gebote Gottes
Luthers Irrtum

Moses bestieg den Berg Sinai (Horeb) und empfing die Gebote Gottes. Er war vierzig Tage auf dem Gottesberg und kam mit den Tafeln des Gesetzes zurück zu seinem Volk. Während seiner Abwesenheit sündigte das Volk schwer und goss sich ein goldenes Kalb.

So oder ähnlich wird dieses Ereignis in Büchern beschrieben, verfilmt und an den Schulen gelehrt. Offensichtlich werden unterschiedliche Erzählungen vermischt, denn so hat es sich nach der Bibel keineswegs zugetragen. Wer die Geschichte in der beschriebenen Form kennt und glaubt, dass es so geschehen ist, befindet sich im Irrtum. Hier verbergen sich gleich mehrere Ungereimtheiten. Die "Zehn Gebote Gottes", die jedes Kind in der Schule lernen muss, hat Moses nicht während seines Aufenthaltes auf dem Berg von Gott allein empfangen.

In Exodus 20,3 beginnt die Verkündung der Gebote. Zu diesem Zeitpunkt war Moses bei seinem Volk am Fuße des Berges! Diese Gebote wurden demnach nicht, wie es uns glauben gemacht werden soll, auf die beiden Steintafeln geschrieben. Darüber hinaus ist Martin Luther ein schwerwiegender Fehler unterlaufen, als er die Gebote übersetzt hat. Weil in der Kirche immer von den Zehn Geboten gepredigt wurde, auch im Verlauf der biblischen Erzählung von den zehn Worten Gottes die Rede ist, hat Luther die Anzahl der tatsächlich verkündeten Gebote auf zehn reduziert, indem er einige einfach zusammengefasst hat.

Selbst dabei ist ihm noch ein Versehen unterlaufen, denn wer die "Zehn Gebote" Luthers in der entsprechenden Bibelübersetzung durchzählt, kommt auf deren elf!

Die heute geläufige Einheitsübersetzung, die sich weitgehend mit den hebräischen Texten deckt, zeigt uns zwölf Gebote auf, wobei die Juden die Einleitung Gottes "Ich bin der HERR, dein Gott" als eigenes Gebot auffassen, sodass sie auf genau dreizehn Gebote kommen. Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen, auf zehn Gebote kommen wir bei keiner Zählung.

Nachfolgend die "Zehn Gebote" nach der Einheitsübersetzung der Bibel, die auf die jüdische Thora zurückzuführen ist:

1. Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.

2. Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.

3. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.

4. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht.

5. Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinem Stadtbereich Wohnrecht hat. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.

6. Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.

7. Du sollst nicht morden.

8. Du sollst nicht die Ehe brechen.

9. Du sollst nicht stehlen.

10. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.

11. Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen.

12. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.

(Exodus 20,3-17)

Das elfte und zwölfte Gebot dieser Aufzählung fasste Luther einfach zusammen. Ein verheerender Irrtum, wie ich noch darlegen werde. Diese beiden Gebote haben dem Sinn nach nichts miteinander zu tun.

Die oben aufgezählten zwölf Gebote wurden dem gesamten Volk Israel verkündet.115 Die Stimme Gottes klang wie Donner aus der oft beschriebenen Wolke, die sich über den Berg senkte. Erst danach stieg Moses für vierzig Tage auf den Horeb, um die Bedingungen des göttlichen Vertrages mit seinem Volk auf zwei steinernen Tafeln in Empfang zu nehmen. Diese Tafeln hat er dann in einem Anfall von Jähzorn nach seiner Rückkehr zerschlagen, als er sah, wie sein Volk sich um ein goldenes Kalb scharte und diesen fremden Gott anbetete. Hätte Moses die Gebote auf dem Berg empfangen, wäre das keine Sünde gewesen, denn das Volk könnte dann die Gesetze nicht gekannt haben, da Moses zu diesem Zeitpunkt keine Chance hatte, sie zu verkünden.

Wenn von den "Zehn Geboten" die Rede ist, wird in der Regel eine verkürzte Version gelehrt, die spätestens seit Martin Luther falsch dargestellt wird. Das liest sich etwa wie folgt:

1. Ich bin dein Gott; du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

2. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen.

3. Du sollst den Namen deines Gottes nicht missbrauchen.

4. Du sollst den Sabbat heiligen.

5. Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass es dir wohl ergehe und du lange lebst auf Erden.

6. Du sollst nicht töten.

7. Du sollst nicht ehebrechen.

8. Du sollst nicht stehlen.

9. Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten.

10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut.

Hier fehlt offensichtlich das Verbot, des Nächsten Haus zu begehren ebenso wie das Verbot, sich vor anderen Göttern niederzuwerfen oder sie zu verehren. Dabei sind diese Gebote im Zusammenhang mit den anderen extrem wichtig, wie wir sehen werden.

Fest steht, dass heute falsche Gebote, sei es unvollständig oder verkürzt, gelehrt werden.

Für meine Ausführungen spielt das eine untergeordnete Rolle. Ich gehe von den zwölf Geboten, wie sie in der jüdischen Thora und der Einheitsübersetzung geschrieben stehen, aus.

Zusammenfassen lassen sich keine dieser Anweisungen, da sie alle eine völlig unabhängige Bedeutung haben. Bestenfalls lässt sich eine ethische Verwandtschaft verschiedener Gebote feststellen. Luthers Fehler bestand darin, zu glauben, das Gebot "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus" verbiete ebenso wie das nachfolgende, anderer Leute Eigentum zu begehren. Ich komme darauf noch zurück.

Auffällig ist der Stil, in dem die Gebote verkündet wurden. Handelt es sich doch überwiegend um negierte Anweisungen. Fast alle Gebote beginnen mit "du sollst nicht", oder "du sollst kein". Das macht auch Sinn, denn Anweisungen zu geben, für das, was getan werden soll, ist sicher ein endloses Unterfangen. Jedes Detail aus dem Alltagsleben müsste geregelt werden. Tausende von Geboten wären die Folge. Diese wären kaum lernbar. Wenige, richtungsweisende Verbote, die in relativ kurzen Merksätzen verfasst sind, stellen für das Erlernen für niemanden ein Problem dar.

Aus diesem Grunde sollte man vielleicht besser von Verboten, statt Geboten, sprechen. Aufgrund des Prinzips der persönlichen Freiheit, welches von Moses vehement vertreten wurde, genügte es, diese Verbote auszusprechen. Alles andere scheint erlaubt zu sein. Zumindest kann von diesen Verboten jede ethisch zweifelhafte Handlungsweise abgeleitet werden.

Aber handelt es sich bei diesen Zwölf Geboten tatsächlich um die Gesetze, welche Moses vom Berg mitbrachte? Die beiden Tafeln, auf denen nach der Bibel der Finger Gottes geschrieben hatte? Oder unterliegen wir einem Trugschluss?