Jens Arenz

Schattenzeit

1.


Die Nacht hing noch in den Straßen, aber am Horizont mischten sich bereits die ersten Lichtstrahlen in die Dunkelheit und deuteten den Beginn der Morgendämmerung an. Ein leichter Wind strich über die Dächer und trug das Gezwitscher der Vögel durch die geöffneten Fenster und Balkontüren in das Innere der Häuser, in denen die Luft so abgestanden und verschwitzt war wie die Menschen, die in ihren Betten lagen und sich nach Abkühlung sehnten. Flimmernder Asphalt, glühende Luft und Hitzerekorde. Seit Wochen war Hamburg ein Brutofen, dessen Temperaturen die Bewegungen der Menschen lähmten und in ihren Köpfen die Gedanken schmelzen ließen. Die Stadt stöhnte unter der Last dieses Sommers und noch lauter stöhnte Polizeihauptmeister Hans Krüger, der an seinen Wagen gelehnt missmutig in die heraufziehende Dämmerung blickte.
Er hasste die Nachtschicht und er hasste die Sonne, die ihm am Tag zuvor einen gehörigen Brand auf die Glatze gesenkt hatte, sodass er während der Streife des Öfteren den Kopf aus dem Wagenfenster hatte halten müssen, um der geschundenen Haut Abkühlung zu verschaffen.
Die gesamte Nacht war eine Katastrophe gewesen und als ob drei Verkehrsunfälle, eine Massenschlägerei auf der Domwiese und die hysterische Ehefrau, die sie in der letzten Sekunde von der Fensterbank hatten ziehen können, nicht genug gewesen wären, waren ihm nun obendrein die Zigaretten ausgegangen. Nervös fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen und kramte in den Hosentaschen. Vergeblich. Sie blieben leer. Wie immer hatte er zu Beginn des Streifendienstes ihre Anzahl kontrolliert. Fünf Stück pro Stunde. Die Notreserve mit eingeschlossen. Dass er jedoch Überstunden würde klopfen müssen, ungerechte, zähe Überstunden, die er der Trägheit anderer verdankte, damit hatte er nicht gerechnet und auch nicht seine Lungen, aus denen er den Teer am liebsten herausgekratzt hätte, um sich neue Glimmstängel zu drehen.
Schlecht gelaunt zog er aus dem Handschuhfach ein Erfrischungstuch hervor und rieb sich damit über den glühenden Kopf. Dann drehte er sich um und winkte einen Wagen vorbei, der direkt vor ihm stehen geblieben war. »Fahr weiter! Es gibt hier nichts zu gaffen!«
In einer Stunde würde der aufkommende Berufsverkehr kaum mehr zu bändigen sein. Abgase und Lärm. Schon jetzt war zu ahnen, welches Frühstück der Vormittag für ihn bereithalten würde.
Der Mensch war einsam. Noch einsamer aber war die Polizei. Seitdem er zu dieser gottverdammten Toreinfahrt gerufen worden war, fragte er sich, wo eigentlich die anderen blieben. Es konnte doch nicht sein, dass es außer ihm und einer Handvoll drittklassiger Mitarbeiter keine weiteren Polizisten auf dieser Welt gab.
Er schaute zur anderen Straßenseite. Dürre Beine in verschlissenen Laufschuhen, dazu ein Hund, dessen Gekläff die gesamte Nachbarschaft aus dem Schlaf riss. Von jeher waren ihm Frühaufsteher und Jogger suspekt gewesen.
Hätte der Mann nicht fünf Minuten später loslaufen können?
Krüger warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Der Anruf aus der Zentrale hatte ihn und seinen Kollegen gerade in dem Augenblick erreicht, als sie sich auf den Rückweg zur Wache gemacht hatten. Mord auf der Geschwister-Scholl Straße. Unfall ausgeschlossen. Sofortiger Einsatz und Absicherung des Tatorts. Kurz darauf hatte ihn der Anblick der Toten fast um den Verstand gebracht. Der Mensch war einsam, aber er war nicht blind. Und er hörte nicht auf zu sehen, selbst wenn das Entsetzen ihm die Augen schloss.
Krüger griff in die Westentasche und zog das Diensthandy heraus. Während er die Nummer eingab, fragte er sich, ob vielleicht der wenige Schlaf die Ursache für das frühzeitige Ausfallen seiner Haare sein könnte. Darüber würde er unbedingt einmal mit dem Personalrat sprechen müssen.

Hauptkommissar Lamberti lag ausgestreckt in den Weiten seines völlig zerwühlten Bettes. Die halbe Nacht hatte er sich herumgewälzt, Kissen und Laken strapaziert und schließlich die Bettdecke zu den ausgetrunkenen Wasserflaschen auf den Boden geworfen. An Schlaf war trotzdem nicht zu denken gewesen. Die Hitze klebte in der Luft, an den Wänden, an seinem Körper, dessen massiges Gewicht die Matratze schon vor Jahren ausgehöhlt hatte.
Irgendwann musste er doch eingeschlafen sein, unruhig, von Träumen hin und her geworfen, und nichts ahnend von Krügers Fingern, die bereits das Handy freigeschaltet hatten und ihm mit jeder Nummer, die sie in die Tastatur eingaben, den Schrecken ein kleines Stück näher brachten.
Als das Telefon klingelte, glaubte der Kommissar einen Hammerschlag zu hören. Verwirrt hob er den Kopf, das Bett schwankte und die Zimmerdecke schien über Nacht ein Stück tiefer gehängt worden zu sein. Blind fasste er nach dem Wecker, schlug auf das Metall, dann fiel ihm ein, dass er ihn überhaupt nicht gestellt hatte, da der erste freie Tag seit vier Wochen auf ihn wartete. Wieder das Hämmern. Jetzt nicht mehr dumpf, sondern schrill und laut wie ein Spielmannszug, der ihm durch den Kopf marschierte. Der Schwindel legte sich, die Zimmerdecke zog sich an ihren normalen Platz zurück. Langsam richtete er sich auf.
Im Arbeitszimmer. Von dort kam der Lärm. Das Telefon klingelte.
Fluchend rollte er sich auf die Seite, kletterte aus dem Bett und wankte durch den Flur bis zum Schreibtisch, auf dem das Telefon zwischen Briefen, Schlüsseln, unbezahlten Rechnungen und Notizen über Besorgungen, die er längst hätte erledigen sollen, schrillte. Mit dem Elan eines Achtzigjährigen nahm er den Hörer ab.
»Hallo?«
»Paul, na endlich! Hier ist Krüger. Seit einer Ewigkeit versuche ich, dich zu erreichen. Warum nimmst du nicht ab?«
»Das fragst du noch?« Lamberti schnaubte, während sein Blick über die Staubschichten wanderte, die den Arbeitstisch erdrückten und sich von dort bis über den Boden erstreckten, auf dem Papierschnipsel, Kopien, eingetrocknete Stifte und alte Zeitschriften jeden Schritt zu einem selbstmörderischen Balanceakt machten. »Heute ist mein freier Tag. Weißt du eigentlich, wie spät es ist?«
»Das brauchst du mir nicht zu sagen. Ich bin nämlich bereits seit Stunden unterwegs und genieße Hamburg bei Nacht von meinem Dienstwagen aus. Im Übrigen rufe ich nicht an, um mich bei dir zum Frühstück einzuladen, sondern weil etwas passiert ist.«
Schweigend blickte Lamberti die Wände entlang, als ob er sie noch nie gesehen hätte. Lithografien und Bilder, zum Teil Originale von A. Paul Weber und Janssen, die er über Jahre zusammengetragen hatte, hingen zwischen Regalen, die bis zur Decke mit Büchern vollgestellt waren.
Irgendetwas in Lambertis Innerem weigerte sich, die Welt dort draußen an sich heranzulassen. Er schwieg und erst als Krügers Stimme immer drängender wurde, rang er den Impuls nieder, den Hörer einfach wieder einzuhängen.
»Was ist denn los?« Das Brummen des Kommissars war kaum zu vernehmen.
»Mord auf der Geschwister-Scholl Straße. Schöner Abschluss für eine Nachtschicht. Beim Anblick des Opfers hätte es mir fast das Nachtessen aus dem Magen gehauen.«
»Ist der Tote schon identifiziert worden?«
»Die Tote. Es handelt sich um eine junge Frau. Mehr kann ich dir zurzeit nicht sagen. Es sind erst wenige Beamte vor Ort. Sie sichern den Fundort der Leiche.«
»Seid ihr sicher, dass es sich um Mord handelt?«
»Ganz sicher. Irrtum ausgeschlossen. Um ehrlich zu sein, ich habe so etwas noch nie gesehen. Am besten kommst du raus und machst dir selbst ein Bild.«


.............


Lamberti näherte sich den Schaulustigen, die sich um das Absperrband versammelt hatten. Einige reckten die Hälse, um bis in das Innere des Hofes blicken zu können. Andere hingen an den Fenstern und kommunizierten mit den Gaffern auf der Straße in Zeichensprache. Offensichtlich kannten sich die Menschen in dieser Gegend. Eine ältere Dame schien sich auf eine längere Veranstaltung eingerichtet zu haben. Unter ihren Ellbogen ragten Sofakissen hervor, die sie über die Kante der Brüstung geschoben hatte, um es sich bequemer zu machen. Der Kommissar trat aus dem hellen Licht in den Schatten der Toreinfahrt. Das metallene Sperrgitter war weit geöffnet. Jetzt war er hellwach und konzentriert. Die ersten Minuten waren die entscheidenden. Es ging nicht nur darum, sich jedes Detail genau einzuprägen und den Fundort der Leiche wie einen Raum zu durchmessen, in dem der Täter noch präsent war, sondern auch ein Gefühl für ihn zu entwickeln, eine erste Beziehung zu seinen Motiven herzustellen.
Lamberti folgte der Mauer, die in den Hof hineinführte. Die meisten der umliegenden Gebäude wirkten, als ob sich Architekten verschiedener Jahrhunderte an ihnen versucht hätten. Düstere Backsteinbauten drängten sich neben Jugendstilhäusern und schlichten Betonwürfeln, die nach dem Krieg errichtet worden waren. Alles wirkte planlos und zusammengeflickt. Links der Einfahrt reihte sich ein gutes Dutzend Garagen aneinander. Daneben zeugten Holzstühle und ein Tisch, auf dem sich leere Weinflaschen stapelten, von einer lebendigen Hinterhofromantik, die wahrscheinlich nicht von allen Anwohnern mit Freuden geteilt wurde.
Der Kommissar ging weiter die Mauer entlang. Fast alle Fenster waren gekippt. Ein Wecker piepte. Wasser rauschte. Von irgendwoher erklang Musik. Dann waren Stimmen zu vernehmen. Jemand fluchte. Sein Blick schweifte durch den Hof. In der hinteren Ecke, zum Teil durch hohe Platanen verdeckt, entdeckte er drei Müllcontainer aus Metall. Ihre Schiebetüren waren geschlossen. Davor standen zwei Beamte, die ihn neugierig musterten.
Wo war die Leiche?
Irritiert drehte sich der Kommissar um. Einer der Beamten schien seine Gedanken zu erraten und winkte ihn heran. Mit dem Kopf deutete er auf den mittleren Container.
Lamberti legte die Stirn in Falten. »Wollen Sie sagen, dass die Tote hier in diesem Container liegt? Mitten im Müll?«
Der Mann nickte. Offenbar hatte es ihm die Sprache verschlagen. Sein Gesicht wirkte bleich und krank. Mit unnatürlicher Langsamkeit streckte er den Arm nach unten und zeigte auf den Boden. Direkt vor Lamberti breitete sich eine riesige Blutlache aus. Das Licht der aufgehenden Sonne badete bereits ihre Strahlen darin.
Der Kommissar zögerte. Dann zog er an dem metallenen Griff des Containers. Er war kühl und glatt. Wie zum Schutz schloss er reflexartig seine Augen. Als Lamberti sie wieder öffnete, ließ ihn der Anblick zurückprallen. Es war das Schlimmste, was er je gesehen hatte.
Direkt vor ihm lag ein Körper, eingekeilt und halb mit Müll bedeckt. Einwegflaschen, Joghurtbecher, Papier und Plastikbehälter lagen um ihn herum verstreut. Einzelne Müllsäcke waren aufgeplatzt, andere durchgeweicht. Braune Flüssigkeit hatte sich aus ihnen ergossen und schmutzige Lachen gebildet, in denen es von Maden wimmelte. Fliegen stiegen auf. Schwärme von dunklen, grünen Fliegen.
Es war die Leiche einer Frau. Sie war nackt und ihr Körper übersät von Schnittwunden und Messerstichen, die die Haut völlig zerfetzt hatten. Lamberti beugte den Kopf tiefer herab. Der Gestank traf ihn wie ein Schock. Heiße, faulige Luft stieg ihm in die Nase und ließ ihn würgen. Er taumelte, sah für Sekundenbruchteile nur eine große, schwarze Dunkelheit vor seinen Augen. Erneut beugte er sich über den Rand. Er war klebrig und scheuerte gegen die Haut.
Die Frau lag zusammengekauert, mit angewinkelten Beinen zur Seite gerollt, als ob sie gefroren und sich dann mit dem Müll hätte zudecken wollen. Ihre Arme befanden sich auf der Höhe des Oberkörpers und waren zentimetertief in Plastiktüten, Müllsäcken und Kartons vergraben. Auch der Kopf war zur Seite geneigt. Lange, honigfarbene Haare fielen in dichten Locken über die Stirn. Ihre Spitzen waren blutverklebt und breiteten sich unter dem Gesicht wie ein Kissen aus.
Regungslos starrte Lamberti in den Container.
Wie alt mochte die Frau gewesen sein?
Er schätzte sie auf höchstens dreißig Jahre und selbst jetzt noch schimmerte auf ihren Wangen ein rosiger Glanz, als habe sie sich nicht vom Leben trennen können. Etwas Bittendes und Unschuldiges ging von ihr aus, und einen Moment lang verspürte er den Wunsch, sie in den Arm zu nehmen, sie zu trösten und sich für das zu entschuldigen, was man ihr angetan hatte.
Er schloss den Container. Aschfahl und mit uraltem Gesicht.
Aus einem Fenster drangen Stimmen. Die Musik spielte weiterhin. Von der Straße ertönte Hupen und lautes Türenschlagen. Lambertis Blick wanderte den Innenhof entlang.
Das Gesicht der Toten hing wie ein transparenter Vorhang vor seinen Augen, hinter dem die Welt nur dumpf und verschwommen sichtbar wurde. Die Konturen eines jungen Mannes traten in sein Sichtfeld und schoben den Vorhang beiseite. Er schien besorgt zu sein und zeigte von seinem Balkon herab auf den Boden. Der Kommissar neigte den Kopf. Die Ränder seiner Schuhe waren verschmiert. Er stand inmitten der Blutlache.